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Renate Helm

Heute muss Renate Helm ihre Kartoffelpuffer selber essen. Der Teig ist bereits fertig, aber eben rief Schwester Jeanette aus dem Pflegeheim „Am Zeisigwald“ an und teilte mit, dass Hildegard Tapert, der Renate alle 14 Tage ihr Leibgericht bringt, wegen zu hohen Blutdrucks im Krankhaus liegt. „Schade“, sagt die Angerufene, „na, dann besuche ich heute eben nur die Frau May.“ Zu beiden alten Damen (87 und 95 Jahre) hält Renate Helm noch Verbindung, obwohl sie 1996 arbeitslos wurde, also nicht mehr in dem Pflegeheim der Chemnitzer Stadtmission beschäftigt war. Inzwischen ist sie Rentnerin - wegen Arbeitslosigkeit. „Ich konnte doch nicht einfach wegbleiben und den beiden sagen, nun habe ich keine Zeit mehr für euch“, erklärt sie. „Die haben doch niemanden, brauchen Zuwendung, Gespräche und auch die ‚Klitscher’ frisch und gut.“ Das klingt fast wie eine Rechtfertigung von der 60-jährigen Hauptkassiererin der Wohngruppe 030. „Ich mache das mit Lust und Liebe und ohne Geld“, fügt sie hinzu. Gleich zu Beginn unseres Gesprächs in dem modern gestalteten Wohnzimmer in der Geibelstraße 215 habe ich die mittelgroße, schlanke Frau mit dem dunklen Bubikopf und den lebhaften, braunen Augen gefragt, was ihr an der Volkssolidarität gefällt. Ihre Antwort lautet: „Die Fürsorge für die älteren Leute. Das ist auch mein Grundanliegen.“ Bestätigt hat das ihre Wohngruppenvorsitzende Rosemarie Schnabel. „Sich für andere einzusetzen, ist Renates Stärke. Sie hat das starke Bedürfnis zu helfen. Überall wo Not am Mann ist, packt sie zu.“ Rosemarie spricht aus Erfahrung. Als sie sich vor zwei Jahren den Fuß gebrochen hatte, half ihr Renate Helm ohne weiteres beim Gardinenwaschen. Bereits am Morgen, 8.00 Uhr, begibt sich die Helferin aus ihrer Wohnung in der 7. Etage eine Treppe tiefer zur 86-jährigen Nachbarin Ilse Arnold. Da ist der Pflegedienst der Volkssolidarität schon durch. Renate lässt frische Luft ins Schlafzimmer, räumt das Frühstücksgeschirr auf, bereitet eine Thermosflasche Tee für die Einnahme der Medikamente und bespricht dann mit der Älteren, was für den Tag notwendig ist. Da geht es um Wäschewechsel, Einkäufe, den Speiseplan für „Essen auf Rädern“ - auch von der ‚Soli’ - und anderes mehr. Natürlich wird ebenso über die Familie gesprochen, denn man kennt sich schon seit Jahren. Gegen 12.00 Uhr und gegen 17.00 Uhr schaut Renate noch einmal nach dem Rechten, spült das Geschirr, liest das Fernsehprogramm vor, denn Frau Arnolds Sehkraft hat nachgelassen. Das alles sieben Mal die Woche. Zum Geburtstag, aber auch zu anderen Anlässen, erfreut sie die alte Dame mit einem Blumenstrauß oder einem kleinen Geschenk. Sie hilft ihr beim Ausfüllen von Anträgen und bringt sie auch mal zum Arzt. Das ist mehr, als man von einer Bekannten erwarten kann, auch mehr als ein Pflegesatz entgeltet. Bislang hat sich die freundliche Helferin außerdem noch um zwei weitere ältere Mitglieder der Wohngruppe gekümmert, bei ihnen in bestimmten Abständen saubergemacht, Arzt- oder Apothekengänge mit ihnen erledigt und manches weitere. Helfende Hände - das Prinzip hat sie schon als Kind mitbekommen. Ihre Mutter stammte aus einer großen Familie - acht Geschwister. Im 2. Weltkrieg waren die meisten Männer der Verwandtschaft gefallen, auch der Vater von Renate und ihrer älteren Schwester Anneliese. Da hieß es für die Frauen zusammenrücken, einander beistehen. Die Mutter lebte das ihren Töchtern vor und die haben es dann auch stets so gehalten. Für Renate galt das in ihrer ersten Arbeitsstelle, der Geflügelfarm in Reichenhain ebenso wie bei der FDJ, als Krippenerzieherin, im Altenpflegeheim oder als DFD-Gruppenvorsitzende. So hat sie ihre Söhne Andreas und Mario und die Tochter Anett erzogen. Das hält die Familie zusammen, zu der inzwischen fünf Enkel gehören. „Ohne meinen Mann Dieter könnte ich jedoch die Betreuung nicht ausüben“, sagt Renate Helm. Er habe sehr viel Verständnis dafür, nehme ihr Arbeiten im eigenen Haushalt ab und helfe auch selbst mit, wenn es zum Beispiel um Autofahrten geht. Übrigens hat sie einen beachtlichen Anteil an dem großen Maß Nachbarschaftshilfe der Wohngruppe 030. Allein im 4. Quartal 2003 leistete die Gruppe 716 Stunden.