Zurück

Martina Gomez Olivera

Rosenfest in der Begegnungsstät­te Zöllnerstraße 7. Der Saal ist gut gefüllt. An vier eingedeckten Tafeln haben 35 ältere Leute, vorwiegend Frauen, Platz genommen. Die Lei­terin, Ursula Lange, wünscht allen ein paar schöne Stunden und über­lässt sie dann der einschmeicheln­den Musik von Volkmar Berger. Mit „Wiener Blut“, „Weiße Rosen schenk ich Dir“ und anderen beschwingten Melodien sorgt der Alleinunterhalter für die richtige Stimmung. Zur guten Laune trägt auch die geschmackvolle Tischdekoration bei. Rote Rosen und Rosenservietten hat Martina Gomez Olivera mit viel Geschick arrangiert. Und vor Beginn der Veranstaltung sorgte sie mit dafür, dass jede und jeder den richtigen Platz einnehmen konnte, holte da noch einen Stuhl und dirigierte hier jemanden um. Schnell ging sie noch einmal mit dem Wisch-Mob über die Mitte des Parketts. „Martina, mach‘s nicht so glatt,“ ließ sich hinter ihr eine lusti­ge Stimme hören. Aber da servierte sie schon Erfrischungen, Kaffee und kleine Rosentörtchen zusammen mit der Leiterin und dem „Zivi“ Tobias Brüchner. Alles in allem an diesem letzten, sonnig-warmen Juli-Diens­tag, eine runde Sache.

Nicht immer sind die bisherigen fünf Jahrzehnte der mittelgroßen, kräf­tigen Frau mit den tiefschwarzen, nach hinten gesteckten Haaren ganz rund gelaufen. Mit sechs Jahren ist die in Burgstädt Geborene Vollwai­se geworden und in das Kinderheim „Ernst Thälmann“ in Flöha gekom­men. Der Vater war an Herzinfarkt, die Mutter bei einer Geburt gestor­ben. Nach der Zehnklassenschule hat Martina beim VEB Texturseide Flöha den Beruf einer Textilfachar­beiterin erlernt.

Fünf Kinder hat sie geboren und aufgezogen. Darum gab es Aus­zeiten, und sie hat die Arbeitsstellen gewechselt. So war sie in ihrer Stadt auch bei der Fahrzeugelektrik „Blitz“, beim Papier- und Versorgungskontor sowie bei der MITROPA und dann im Bahnhofsrestaurant von Pockau/ Erzgebirge beschäftigt.

Wegen der politischen Wende ging unter anderem die Ehe mit dem kubanischen Gastarbeiter Luis aus­einander, dessen Familiennamen Martina noch trägt. Da die Bundes­republik und sein Land keinen Ver­trag miteinander hatten, musste er auf die Karibikinsel zurückkehren. Sie wollte aber nicht mit.

Mehrmals war sie seit 1991 arbeits­los – manchmal ein paar Jahre. Im­mer wieder bemühte sie sich jedoch um Qualifizierung, reguläre Arbeits­plätze und ABM. Durch die „elop robotersteuerung Schulungszentrum Chemnitz GmbH“ erhielt sie schließlich vom 20. September bis Jahresen­de 2004 ein Praktikum in der Begeg­nungsstätte Zöllnerstraße. Danach war die Förderung wieder vorbei.

Sie wollte aber nicht in Flöha nur zu Hause sitzen und vielleicht ihrem Lebensgefährten Frank die Ohren volljammern. Keine Arbeit ist ihr zu viel oder zuwider. Darum kommt sie seit Anfang 2005 weiter in „ihre“ Begegnungsstätte. Ehrenamtlich.

Ihr Arbeitstag dort beginnt gegen 09.00 Uhr mit Saubermachen. Dann wird eingedeckt, Mittagessen ausgegeben, die nachmittägliche Veranstaltung vorbereitet. Marti­na ist zuverlässig. So vertritt sie die Leitern bei deren Abwesenheit. Sie gibt Bestellungen auf und macht Abrechnungen. Ab und zu bringt sie aus ihrem Garten Blumen mit. Zur Geselligkeit in der Begegnungsstät­te hat sie auch schon als Model bei Modenschauen oder gar als Weih­nachtsmann beim schönsten Fest des Jahres beigetragen.

Den älteren Leuten gegenüber ver­hält sie sich einfühlsam, nimmt klei­ne  Aufträge entgegen, hört zu, teilt sich ihnen mit und verbreitet so Harmonie. Wenn sie einmal nicht im Hause ist, wird sie vermisst. Das bestätigen Ursula Oettel und Char­lotte Liebold, die hier wohnen: „Die Martina wird gebraucht. Sie ist ganz lieb und hilfsbereit.“ Und Hildegard Reich meint: „Sie ist ne gute Seele.“ Dem schließen sich Jochen Rößger und seine Frau Marion an, die Mar­tina für ein „prima Mädel“ halten. „Wenn etwas nicht zu gehen scheint, macht sie es möglich.“ Von Ursula Lange und von der Leiterin des ge­samten Wohnobjekts Zöllnerstraße, Annerose Kreher, wird Martina als „fleißig, starke Stütze und guter Geist des Ganzen“ eingeschätzt. Die so Gelobte äußert selbst: „Ich komme gern hierher, weil hier ein gutes Kli­ma herrscht, weil ich von den Leu­ten geachtet werde und weil sich alle freuen, wenn ich da bin.“