Zurück

Die Kraft der Bäume nutzen – Heilende Eigenschaften von Gehölzen

Heilkräftige Sträucher und Bäume in unseren Gärten

Was die Generation meiner Großeltern noch über die Heilkräfte heimischer Pflanzen wusste, scheint immer mehr in Vergessenheit zu geraten. Im 21. Jahrhundert kann scheinbar alles aus der chemischen Retorte gewonnen werden. Gegen Bezahlung sind Medizinprodukte ständig und in ausreichender Menge in Apotheken verfügbar. Der moderne Mensch muss nicht mehr wissen, welches Kraut wofür oder wogegen hilft, denn es wird vom Arzt verordnet und auf‘s Rezept geschrieben. Das umfassende Wissen der Volksheilkunde wird kaum noch in den Familien weiter vermittelt, sondern muss sich im Selbststudium erarbeitet werden. 

Bis weit in die 60iger Jahre des vorigen Jahrhunderts sah das noch ganz anders aus. Wer ein Schrebergarten sein „Eigen“ nennen konnte, hatte damit wesentlich mehr als nur Freizeitgestaltung im Sinn. Um 1900 entwickelten sich Kleingartenanlagen auch aus Naturheilvereinen heraus. In Chemnitz war es der 1868 unter dem 1. Chemnitzer Naturheilverein im Stadtteil Reichenhain entstandene „Jungborn“. 

Neben dem Obst- und Gemüseanbau zur Selbstversorgung für Stadtmenschen wurden auch die Heilkräfte der angepflanzten Gewächse genutzt. Gerade während und nach den beiden Weltkriegen brachten viele Menschen ihre Familien mit dem Gartenanbau über diese schlimme Hungerszeit. Zudem waren Drogerien und Apotheken ausgebombt sowie das Gesundheitswesen zusammengebrochen. Bis zur Wiederherstellung der städtischen Strukturen war die zivile Bevölkerung oft auf sich selbst angewiesen. Neben den üblichen „Küchenkräutern“ spielten daher auch heilende Pflanzenbestandteile von Obststräuchern und Bäumen eine wesentliche Rolle. Etliche Vertreter dieser Gehölze sind zwar weniger zu den für Kleingärten typischen Nutzpflanzen zu zählen und eher in der freien Natur anzutreffen, jedoch wurden diese Pflanzen zu allen Zeiten von den Menschen in die Gärten geholt, um die Verfügbarkeit der wertvollen Rohstoffe zu sichern. Auch vor dem Hintergrund von aufgedeckten Betrugsfällen mit falsch deklarierten Biowaren geschieht dies heute mehr aus dem Bewusstsein heraus, selber über eine möglichst ungestörten biologischen Anbau bestimmen und somit die dafür erforderlichen Faktoren kontrollieren zu können.

Einige bekannte Pflanzen mit ihren Heilkräften sowie Anwendungsbeispielen möchte ich Ihnen gern in Erinnerung bringen sowie Ihr Interesse daran wecken.

Obst, Beeren- sowie Nussfrüchte können viel mehr bewirken, als „lediglich“ als Nahrung zu dienen. Allgemein bekannt sind Zubereitungsformen als Kompott, Mus, Marmeladen und in flüssiger Form als Säfte, wohlschmeckenden Fruchtweinen sowie leckeren Likören. Doch auch weitere Pflanzenbestandteile beherbergen nutzbringende Kräfte, welche oftmals weniger Beachtung finden. 

Die nachfolgend aufgeführten Pflanzen haben eine große Gemeinsamkeit: Sie alle enthalten neben vielen Vitaminen und Mineralien auch Säuren, wobei die Gerbsäure einen besonders hohen Anteil hat. Gerbstoffe wirken generell zusammenziehend (adstringierend) und entzündungshemmend sowie schmerzlindernd. Dadurch finden sie vor allem ihre Anwendung bei Schleimhauterkrankungen, Durchfall, Blutungen, Hauterkrankungen. Die Anwendung als Heilmittel sollten bei größeren oder länger anhaltenden körperlichen Beschwerden immer mit Ihrem Arzt oder Naturheilpraktiker abgesprochen werden, da neben der Symptomlinderung vor allem die Ursache gefunden und behandelt werden muss.

Apfelbaum (z. B. Malus sylvestris)

Äpfel wirken anregend auf die Darmtätigkeit. Tee aus den Schalen kann als harntreibendes Mittel bei Blasen und Nierenleiden eingesetzt werden. Gerbsäuren und Pektin sind neben dem Vitamin C wertvolle Bestandteile der Früchte.

Birnenbaum (z. B. Pyrus pyraster)

Auch die Birnenfrucht wirkt anregend, jedoch eher auf die Blasentätigkeit. Werden frische Blätter als Tee getrunken, wirken diese antibakteriell und können deshalb als sanftes Mittel bei Nieren- und Blasenentzündungen helfen. Rohe Birnen können jedoch für empfindliche Menschen schwer verdaulich sein. Verarbeitet als Kompott oder Saft entfaltet das Obst seine heilenden Eigenschaften bei Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Nieren und Blasenleiden.

Kirschen (z. B. Prunus avium)

Kirschbäume können bis zu 100 Jahre alt und bis 25 Meter hoch werden. Die Stiele der Frucht wirken entwässernd und werden auch als „Entfettungstee“ verwendet. Die Blätter können Teemischungen beigegeben werden. Für ein Kirschkernkissen müssen die Kerne ausgekocht, getrocknet und in Leinensäckchen eingenäht werden. Im Ofen oder in der Mikrowelle erhitzt, strahlt das Kissen eine wohltuende Wärme aus.

Eberesche (z. B. Sorbus aucuparia)

Rohe Früchte fördern den Stuhlgang, getrocknete Früchte helfen gegen Durchfall. Bei Heiserkeit wirken sie reizlindernd. Roh sollten diese nicht in größeren Mengen verzehrt werden, denn sie können Magenbeschwerden verursachen. Zu Mus, Gelee und Saft werden die Früchte verkocht und gezuckert. Ebereschen haben einen hohen Gehalt an unangenehm schmeckenden Bitterstoffen. Im Garten sollten deshalb spezielle Sorten zum Anbau verwendet werden.

Edelkastanie (z. B. Castanea sativa)

Über mehrere hundert Jahre werden diese Bäume alt und bis zu 35 Meter hoch. Alle Pflanzenbestandteile enthalten Gerbstoffe und wirken zusammenziehend. Die Blätter können als Tee gegen Bronchitis oder Durchfall angewendet werden. Die kalorienreichen Samen werden gekocht oder geröstet und finden vielfältige Anwendung in der regionalen Küche.

Mispel (Mespilus germanica)

Dieser fast sagenumwobene „Kleinbaum“ erreicht nur eine Höhe von 5 Meter. Dafür kann er an die 300 Jahre alt werden. Die Früchte müssen dem Frost ausgesetzt sein, vorher sind sie fast ungenießbar. In verkochter Form als Saft, Mus oder Gelee entfaltet sich der besondere Geschmack. Gerbstoffe, Pektin und reichlich Vitamine wirken sich positiv auf die Gesundheit des Menschen aus. Besonders auf den Verdauungstrakt wirken sie förderlich, entzündungshemmend und auch entschlackend.

Holunder, schwarzer (z.B. Sambucus nigra)

Vom schwarzen Holunder (der rote hat keine Heilkräfte) können Rinde, Beeren, Blätter und Blüten verwendet werden. Rohe Früchte sind giftig und müssen unbedingt erhitzt werden. Als Saft, Mus und  Marmelade verarbeitet steigern sie die eigene Körperabwehr. Ein Holunderblütentee wirkt gegen Grippe und ist fiebersenkend. Aufgüsse aus Blättern, Rinde und Wurzeln wirken harntreibend. Außerdem schmecken Holunderwein, Sekt oder auch in Teig gebackene Blüten als „Holler-Küchle“ richtig lecker.

Brombeere (Rubus fructicosus) / Himbeere (Rubus idaeus)

Botanisch betrachtet handelt es sich nicht um Beeren, sondern um Sammel­steinfrüchte. Beide sind sehr vitaminreich. Die Blätter des Brombeerstrauches wirken durch ihre Gerbstoffe zusammenziehend und lindern als Tee getrunken z. B. Durchfallerscheinungen. Himbeerblätter sind wohlschmeckender Bestandteil von Teemischungen.

Heckenrose (z. B. Rosa canina)

Legendär ist der „1000”-jährige Rosenstock in Hildesheim. In der freien Natur kann eine Höhe von bis 3 Meter erreicht werden. Das aus den Rosenblättern gewonnene Rosenwasser wirkt  kühlend, lindernd und beruhigend auf die Haut. Die Hagebutte ist fast unschlagbar mit ihrem hohen Vitamin-C-Gehalt. Als Tee oder Mus wirken diese vorbeugend gegen Erkältungskrankheiten und erhöhen die Körperabwehr.

Heidelbeere (Vaccinium myrtalus)/Preiselbeere (Vaccinium vitis)

Die niederen Halbstraucharten enthalten in ihren Blättern vor allem Gerbstoffe und finden in Teemischungen z. B. ihre Anwendung bei Magen-Darmbeschwerden. Auch zur Stärkung des Zahnfleisches kann der Aufguss von den Blättern verwendet werden. Heidelbeerblätter wirken blutzuckersenkend. Deshalb kann der Tee bei Diabetes helfen. Die Früchte beider Arten wirken positiv auf das Immunsystem. Für die Gartenkultur benötigen die Sträucher einen möglichst sauren Boden.

Walnuss (Juglans regia)

Der Walnussbaum wird bis zu 25 m hoch und kann über 150 Jahre alt werden. Die beste Tragkraft (über 50 kg) erreicht der stattliche Baum im Alter zwischen 60 und 80 Jahren. Bäume unter 10 Lebensjahren tragen noch keine Nüsse. Die Nüsse enthalten viele Vitamine und Mineralien. Besonders der hohe Gehalt an Omega-3 Fettsäuren ist für das Herz gesund. Walnüsse können z. B. Herz-Kreislauferkrankungen entgegenwirken. Regelmäßiges Naschen ist daher erlaubt. Blätter und Fruchtschalen enthalten vor allem Gerbsäuren. Deren zusammenziehende Wirkung kann daher gut in Form von Bädern gegen eine hohe körperliche Schweißbildung angewendet werden. Auch auf das Hautbild wirken die Umschläge sehr positiv und sind somit gegen Unreinheiten und Entzündungen ein gutes Mittel.

Schlehe (Prunus spinosa)

Der Schlehdorn erreicht eine Höhe von bis zu 5 Metern und kann ca. 50 Jahre alt werden. Erst durch Frosteinwirkung werden die bis dahin durch die Gerbstoffe bitter schmeckenden Früchte wohlschmeckend. Alle Pflanzenbestandteile wirken aufgrund der Gerbstoffe zusammenziehend, leicht abführend sowie entzündungshemmend. Zur allgemeinen Stärkung des Körpers werden gern Schlehensäfte verwendet.

Sanddorn (Hippophae rhamnoides)

Mit einer Menge von bis zu 900 mg je 100 g Beeren weist die Sanddornfrucht einen besonders hohen Vitamin-C-Gehalt auf. Beta-Karotin sowie jede Menge Gerbstoffe erhöhen den Wert dieser Wildfrüchte. Außerdem kann der Ölgehalt der Beeren für viele kosmetische Produkte genutzt werden. Auch als Tee finden die Beeren in getrockneter Form Anwendung. Die Beeren werden erst nach dem Frost geerntet. Besonders gesund zur Stärkung der körpereigenen Abwehr ist der Muttersaft, in dem die volle Frucht samt des Samens verarbeitet wird. Tipp: Strecken Sie diesen sehr herb schmeckenden Saft zur Hälfte mit reinem Apfelsaft. Durch dessen Süße wird der Genuss perfekt und der Sanddorngeschmack bleibt trotzdem erhalten. Auch heiß getrunken ein wirksames Mittel gegen aufkommende Erkältungskrankheiten. Die Pflanze ist zweihäusig und benötigt einen in der Nähe stehenden Partner.