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Im Ehrenamt vorgestellt: Anita Müller

Die Würfel rollen plärrend über die Tische. Dementsprechend rücken die Spielerinnen ihre kleinen Figuren auf den „Mensch-ärgere-Dich-nicht“-Feldern weiter. Wenn eine mehrere „Sechsen“ hintereinander würfelt, rufen die anderen „hat die ein Glück“ oder „toll“ oder „hört das denn gar nicht auf ?“. Geschummelt wird nicht, aber rausgeschmissen. Alle passen genau  auf, bis jedes „Männel“ im sicheren Hafen steht. Jeden letzten Freitag im Monat ist Spielnachmittag. Dazu trifft sich Anita Müller mit vier oder sechs, manchmal auch mehr Frauen aus dem Haus „Mozartstraße 1“ gleich nebenan im Foyer des Pflegeheims der Volkssolidarität. Genutzt wird nur das traditionelle Rausschmeißespiel. Und um dabei die Laune zu heben, gibt es noch einen guten Tropfen zwischendurch, den die Seniorinnen vertragen.

Das Gebäude „Mozartstraße 1“ gehört zum „Betreuten Wohnen“ des Wohlfahrt-Vereins, und die Mitsechzigerin Anita ist für die 17 älteren Leutchen, die darin wohnen, zuständig. Der Spielnachmittag liegt jedoch außerhalb ihrer Pflichten. Den organisiert sie schon seit langem ehrenamtlich, einfach weil es den Frauen wie Ursula Findeisen, Hilde Böttcher, Ruth Funk, Helga Wirt und anderen Spaß macht.

Dazu kommt noch viel mehr, was über ihr täglich dreistündiges „Amt“ als Sozialbetreuerin – also Essenbestellung, Post besorgen, Anträge für Behörden ausfüllen, Rezepte holen, Verbindung zu Verwandten halten – hinaus geht. So begleitet die mittelgroße, kräftige Frau schon einmal ehrenamtlich ein Mitglied ihrer Wohngruppe zum Arzt, weil die sich dabei sicherer fühlt. Sie unternimmt auch Krankenbesuche bei „ihrer Klientel“. Eine der Seniorinnen, welche ihre letzten Wochen im Hospiz „Am Karbel“ verbrachte, freute sich sehr über die regelmäßigen Besuche von Anita, auch darüber, dass sie noch ab und zu andere Hausnachbarinnen mitgebracht hat. 

Den Älteren mit ihrem Wirken über das normale Maß hinaus Mut und Zuversicht zu geben, ihnen öfter eine kleine Freude zu bereiten, ist das erklärte Ziel der Sozialbetreuerin. Ehemann Joachim unterstützt sie dabei, wenn nötig, mit dem Auto. Blumen aus ihrem Garten in Borna sind Anitas große Leidenschaft. Und mit Frühblühern, Sommer- und Herbstblumen verschönt sie so manche Hausecke im Innern und außen für die von ihr Betreuten, damit sie sich wohl fühlen.

Der Irene Finsterbusch ermöglichte sie im vorigen Sommer den sehnlichen Wunsch, wieder einmal selbst einzukaufen, selbst auszuwählen, mit dem gemeinsamen Gang in die Kappel-Kaufhalle. „Der ganze Korb war voll, Lebensmittel und Waschpulver. Aber wie die gestrahlt hat, dass sie das konnte“, sagt Anita. Das war ihr mehr als ein Dankeschön.

Gemeinsam mit anderen Helfern organisiert Anita Müller ihren Bewohnern seit sechs Jahren „Weihnachtsfeiern für Jung und Alt“ – zunächst im Pflegeheim, die letzten zwei Mal in der Begegnungsstätte Horststraße. „Da haben die Leute vom ‚Betreuten Wohnen’ dort auch noch etwas davon“, meint sie. Zu den „Jungen“ gehören immer sechs bis acht Kinder aus der Tagesstätte „Sonnenbergstrolche“, die kein begütertes Zuhause haben. Sie präsentieren den Älteren ein kleines Programm und bekommen anschließend Geschenke. Die hat die Müllerin zuvor eingekauft, unter anderem dank der Spenden der Firma „André Marschner-Fußbodenbau“ .  

Natürlich hat das „Mädchen für alles“, wie sich die rührige Frau selbst bezeichnet, bereits für das Frühjahr einiges geplant. Mit Interessierten will sie die Schlösser Augustusburg, Lichtenwalde und Klaffenbach besuchen. Außerdem wird sie mit ihren Leuten bei mancher Veranstaltung in der Horststraße zu Gast sein.

Die direkte Vereinsarbeit kommt ebenfalls nicht zu kurz. Seit gut 18 Jahren Mitglied der Volkssolidarität, kassiert Anita als Volkshelferin in ihrer Wohngruppe 007 – dazu gehören das Pflegeheim und die Mozartstraße 1 – an die 50 Mitglieder. Anläßlich des 60. Jahrestages der „Soli“ hat sie 2005 in zwei Monaten 40 Mitglieder, vor allem aus den Verwandtenkreisen der Heimbewohner, gewonnen.

Fragt man sie, warum sie sich so engagiert, sagt sie nur: „Das ist so gewachsen.“  Fest steht, dass die mitmenschliche, familiäre Seite in der Frau, die über 20 Jahre in Kinderkrippen und danach 22 Jahre im Pflegeheim tätig war, die selbst vier Kinder und acht Enkel hat, stark ausgeprägt ist. Ursula Findeisen, die Hauptkassiererin der Wohngruppe, erinnert sich, wie ihr Anita an einem zurückliegenden Dezembernachmittag mit noch zwei anderen half, die Folgen eines Wasserrohrbruchs zu beseitigen. Da habe sie nicht  auf die Uhr geschaut. „Sie ist schon für die Bewohner aufgegangen, als sie noch im Pflegeheim arbeitete“, sagt die weit über 80-Jährige. „Für ihre Aufgabe bringt sie jedes Opfer.“