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875 Jahre Stadt Chemnitz

4. Teil 1920 – 2018

Richard Möbius

Zum Anfang ein Blick auf das Jahr 1900: Mit dem 15. Oktober 1900 erfolgt für Richard Möbius aus Dresden die Verpflichtung als Stadtbaurat der Stadt Chemnitz. Am 26. Juli erhielt Möbius vom Chemnitzer Oberbürgermeister Dr. Beck ein Telegramm, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass er von 12 Bewerbern einstimmig zum Stadtbaurat gewählt wurde. Bis er am 12. Mai 1901 das Bürgerrecht der Stadt Chemnitz erhält, erstellt Möbius Gutachten für den Erweiterungsbau der Zimmermanschen Stiftung, den Umbau der 
St. Jakobikirche und entwirft die Brauthalle der St. Paulikirche. 

Am 5. Mai 1906 wird Richard Möbius Mitglied des Rates der Stadt Chemnitz und gleichzeitig Stadtbaurat auf Lebenszeit. Für den Entwurf zum geplanten Museums- und Theaterbau erhält Möbius den Preis der Stadt Chemnitz.

Den Titel „Königlicher Baurat“ erhält er am 11. August 1909 per Urkunde, persönlich erhält er die Auszeichnung am 1. September 1909 zur feierlichen Eröffnung des Neuen Stadttheaters und König-Albert-Museums. Danach wurde Möbius vom König zum Festmahl in die Räume der Casino-Gesellschaft an der Theaterstraße eingeladen. 

Einen weiteren Orden erhielt Möbius zur Weihe des Neuen Rathauses am 2. September 1911. Dieser eigene großartige Entwurf ist bis heute ein Wahrzeichen der Stadt.

Warum schreibe ich das alles? Wie man den Zeilen entnehmen kann, bin ich ein großer Anhänger von Richard Möbius. Die Stadt konnte glücklich sein, einen so gut qualifizierten Stadtbaurat zu bekommen. Als Möbius 1900 sein Amt als Stadtbaurat übernahm, entwickelte sich die Bevölkerungszahl von 103.000 Einwohnern 1883 und 200.000 Einwohnern 1900 auf etwa 300.000 Einwohnern 1914. Man brauchte neue Verwaltungsgebäude, Schulen, Krankenhäuser, Kultureinrichtungen und Wohnungen. Da war es gut, einen Stadtplaner von diesem Format zu haben. Siebzehn Schulen, wo keine der anderen gleicht, wurden gebaut, die Feuerwache an der Schadestraße, das Neue Theater (heute Opernhaus), die Städtischen Kunstsammlungen, das Küchwaldkrankenhaus, die Küchwaldschänke, die Häuser der Esche- und Krenkelstiftung und noch zahlreiche andere Gebäude. Gott sei Dank sind die meisten Gebäude von ihm erhalten geblieben. Am 7. Juni 2019 jährt sich der 160. Geburtstag von Richard Möbius. 

Kein andere Stadtbaurat hat das Stadtbild so geprägt, wie Richard Möbius, man kann es auch als Ära Möbius bezeichnen.

Gleichzeitig zur Bevölkerungsentwicklung entwickelte sich die Chemnitzer Industrie, die Steuereinnahmen sprudelten und die Industriestadt Chemnitz stand in Deutschland an achter Stelle.

Mit dem Beginn des I. Weltkrieges kam es zu großen Einbrüchen, die Bevölkerungszahlen gingen zurück, die Steuereinnahmen schrumpften, die Bevölkerung hungerte. Erst gegen 1925 wurden die Folgen des Krieges kompensiert. Die Bevölkerung wächst wieder und erreicht 1930 die Marke von 360.000.

Die Chemnitzer Industrie blüht wieder auf, Fabrikanlagen ziehen aus dem Stadtzentrum in die Randlagen um. Der Einzelhandel bekam Konkurrenz durch Warenhäuser, das Kaufhaus Tietz öffnete am 23. Oktober 1913, als größtes und vornehmste Geschäftshaus Sachsens, seine Türen.

Weitere Kaufhäuser wie Königsfeld, Schellenberger, Wertheimer locken die Kunden an.

Das modernste Kaufhaus wurde 1930 eröffnet, das Kaufhaus Schocken. Es wurde vom Architekten Mendelsohn entworfen und besaß als erstes Kaufhaus Rolltreppen, welche bis in die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts funktionstüchtig waren. Heute ist das Schocken das Staatliches Museum für Archälogie in Chemnitz (smac).

Ab Mitte der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts geht es in der Chemnitzer Industrie in Richtung Aufrüstung, wozu es dann geführt hat, wissen wir. Die Folgen des Krieges spüren wir heute noch. Es gibt zwar Bemühungen dies abzumildern, ist aber noch nicht ganz gelungen.

Was ich als Gästeführer bei meinen Führungen durch die Stadt feststelle: Große Teile der Chemnitzer Bevölkerung tun sich noch immer mit der Stadt der Moderne schwer und entdecken nicht, was sich verändert hat. Die Bilder, wie die Stadt in den 90ern ausgesehen hat, scheinen bei vielen Bürgern stark in den Hintergrund gerückt zu sein.

Bereits in den 20er Jahren gab es Diskussionen, als das Hotel Chemnitzer Hof, das Umspannwerk auf dem Getreidemarkt oder die Indutrieschule gebaut wurden. Als nach der Wende an die Neuplanung der Innenstadt gegangen wurde, flammten diese neu auf. Meines Erachtens zu Recht, denn der erste Entwurf für die Galerie Roter Turm hätte gegenüber des Neuen Rathauses als Fremdkörper gewirkt. Der Architekt Hans Kollhoff entwarf dann eine Fassade, in die viele Elemente von Richard Möbius eingeflossen sind (die schmalen Fenster, die Brüstung gegenüber dem Balkon des Stadtverordnetensaals, die Bögen am Eingang und die Natursteinverblendung an der Fassade), so dass beide Gebäude miteinander koresspondieren. 

Was vielen Chemnitzern noch nicht aufgefallen ist, sind die Spiegelungen in der Glasfassade der Galeria Kaufhof. Architekt Helmut Jahn hat gezielt die Glasfassade gewählt, um zu zeigen, dass sich alte und neue Architektur vereinigen können. Schauen Sie mal, wenn Sie demnächst über die Chemnitzer Märkte gehen.