Übung statt Ernstfall

 Betreutes Wohnen   VS Aktuell 3/2020   Aus dem Stadtverband   Sozialstation Clausstraße 

Die Einrichtungen der Volkssolidarität Chemnitz auf der Clausstraße bereiteten sich auf eine Evakuierung vor.

Mittwoch, 10. Juni 2020, 13 Uhr, Beratungsraum in der Geschäftsstelle: Zu einer Krisensitzung treffen sich Geschäftsführerin Ulrike Ullrich, Bereichsleiterin Soziale Dienste Denis Lippmann, Sozialbetreuerin ­Ulrike Weichert und Ilona Göricke als Leiterin der Sozialstation Clausstraße. Kurz zuvor hatte die Stadt Chemnitz den Verein informiert, dass eine Evakuierung der Wohnanlage Clausstraße und der von der Volkssolidarität in der Umgebung betreuten Menschen möglicherweise bevorstehe. Bei Bodenuntersuchungen für den Neubau einer Schule nur wenige hundert Meter entfernt sei man auf metallische Gegenstände in vier Metern Tiefe gestoßen. Aufgrund der Größe könne auch eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg darunter sein, eine Evakuierung wäre für die Entschärfung möglicherweise notwendig. Pläne der Straßensperrungen und genaue Instruktionen werden bei der Beratung ausgegeben.

Donnerstag, 11. Juni 2020: Ilona Göricke, Ulrike Weichert und Pflegedienstleiterin Anett Kästner greifen zu den Telefonen. Alle Mieter und viele von der Volkssolidarität im Umfeld betreute Menschen sind von der Evakuierung betroffen. Sie oder ihre Angehörigen müssen behutsam darauf vorbereitet werden, dass sie eventuell bereits am Sonntag 08:00 Uhr ihre Wohnung verlassen müssen. Die Angehörigen reagieren mit viel Verständnis. Gemeinsam wird besprochen, wie die Abholung am Sonntagmorgen am besten bewerkstelligt werden kann.
Auch für die Pflegekräfte wird die Evakuierung eine große Herausforderung. Gemeinsam mit Anett Kästner strukturiert Ilona Göricke den Dienstplan um und teilt Dienste neu auf, damit eine lückenlose Versorgung der betreuten Menschen sichergestellt ist. Dabei bedacht werden muss auch, dass während der Evakuierung niemand, auch kein Mitarbeiter, in die Räume der Sozialstation, die Basis des ambulanten Pflegedienstes, darf. An alles muss gedacht werden: Schlüssel, Medikamente (siehe Foto), Autos für die Tour. Für die Patienten, die nicht zu ihren Angehörigen können, werden Taschen mit allen wichtigen Dingen wie der Patientenmappe, Chipkarte, Wechselsachen für eine Nacht, bei Bedarf Inkontinenzmaterial sowie eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken gepackt. Und der Nase-Mund-Schutz muss auch mit hinein, die Corona-Krise ist leider noch nicht vorbei.

Samstag, 13. Juni 2020: Die bettlägerigen Patienten werden bereits jetzt evakuiert und in das Klinikum Chemnitz gefahren.

Sonntag, 14. Juni 2020, gegen 7 Uhr:  Das Telefon klingelt, danach großes Aufatmen – die Evakuierung ist abgesagt. Die vermeintliche Bombe erweist sich als altes Wasserrohr, welches in den Plänen nicht verzeichnet ist. Aus der Evakuierung wird eine wichtige Übung für den Ernstfall. Betroffene Bewohner, Patienten und Angehörige werden angerufen und informiert. Die Erleichterung ist auch am anderen Ende der Telefonleitung zu spüren. Gut, dass nun der Tag normal weitergehen kann. Viele Senioren sind nun dennoch bei ihren Familien oder Freunden und können noch einen schönen Tag in Gemeinschaft verbringen.

 
Dank der guten Organisation der Kollegen vor Ort, der Unterstützung durch die Mitarbeiter des Sozialamtes und der großen Bereitschaft der Angehörigen, die Mieter bei sich zu Hause aufzunehmen, war für die Senioren die Aufregung nur halb so groß. Zudem waren am 14. Juni mehrere Kollegen in Bereitschaft oder boten ihre Unterstützung für den Evakuierungsfall an. Im Hintergrund hielten sich u. a. Fahrer bereit, um die Stadt ggf. beim Transport der Bewohner in die Evakuierungsunterkünfte zu unterstützen. Um den Informationsaustausch zwischen den eingebundenen Personen sicherzustellen, gab es einen Kommunikationsplan. Allen beteiligten Kollegen gilt für ihr Engagement besonderer Dank!