Wintersportfreuden einst – in Chemnitz und Umgebung

aus VS Aktuell 2/1999, erschienen im  VS Aktuell 2/1999   Aus der Stadtgeschichte 

Die sächsische Industriemetropole wird oftmals auch "Sportstadt Chemnitz" genannt. Das hat für viele Sportarten unstrittig seine Berechtigung. Doch wie ist es dabei eigentlich mit den Wintersportdisziplinen bestellt? Ist Chemnitz nur das Tor in das Wintersportparadies Erzgebirge oder konnte man sich hier früher auch einmal wintersportlich betätigen? Darauf sollen nun die folgenden Zeilen eine Antwort geben. Ein "Wintersport-Führer durch Chemnitz und das Erzgebirge" (siehe Abb.) aus dem Jahre 1911 liefert für das Ausrichten und Betreiben des Wintersports die Begründung : "Die winterliche Bewegung erweist sich als ein Ergebnis von hoher nationaler Bedeutung, sowohl was die leibliche und geistige Gesundung des Volkes, als auch das wirtschaftliche Wohlergehen anbelangt." Zu den frühesten Winterfreuden der Chemnitzer zählt das Schlittschuhlaufen. Schon seit der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts tummelten sich Jung und Alt, Männer und Frauen auf zugefrorenen Gewässern. Eine herausragende Rolle kam dabei dem Schloßteich zu. Sein Pächter richtete hier winters über eine reguläre Eisbahn ein, die nach Erreichen der erforderlichen Eisstärke mindestens 10 Zoll (ca. 25 cm) von den Behörden freigegeben wurde und danach außergewöhnlichen Zuspruch fand. Leider kam es dabei auch durch Nichtbeachten der Sicherheitsvorschriften immer wieder zu tragischen Unfällen. Der größte ist dabei am 2. Dezember 1866 zu verzeichnen. An diesem Tag kam es zu einem Masseneinbruch durch die Eisdecke, wobei insgesamt neun Kinder zwischen 11 und 15 Jahren und zwei Jugendliche den eisigen Tod fanden. Eine außerordentlich populäre Winter- Sportart war für die Chemnitzer seit der Jahrhundertwende das Rodeln. Denn dabei gewannen nach der damaligen Auffassung Nerven und Gemüt an Spannkraft, wurde die Muskulatur geübt, stellten sich Schlaf und Appetit ein und schwand die Empfindlichkeit gegen atmosphärische Einflüsse. Im Zeisigwald gab es drei Rodelbahnen, die an Wintertagen hunderte Rodler und Zuschauer aufsuchten. In Chemnitz gab es jedoch auch eine Besonderheit, die heute ganz und gar nicht mehr vorstellbar ist. Durch den Rat der Stadt wurden bei den entsprechenden Schneeverhältnissen Straßen zur Nutzung als Rodelbahnen freigegeben, auf denen bis spät in den Abend hinein gerodelt wurde. Das waren damals die Becker-, die Grenadier- (heute Rosa-Luxenburg- Straße), die Katharinen- und die Ulmenstraße. Dazu kamen noch Rodelbahnen auf der Ulmenwiese, in Adelsberg, Erfenschlag und Harthau. Die attraktivste Rodelbahn befand sich in der Nähe des Restaurants "Waldesrauschen" in Einsiedel, auf der beim Wettrodeln für die damaligen Verhältnisse achtbare Geschwindigkeiten erreicht wurden. 1891 fanden sich einige Chemnitzer mit Norwegern, die damals in der Sächsischen Maschinenfabrik arbeiteten, zusammen, um gemeinsame Skiausflüge in die Umgebung, so nach Erfenschlag oder zum Pfarrhübel, zu unternehmen. Aus dieser Gemeinschaft ging der Chernnitzer-Ski-Club als eine der ersten Ortsgruppen des Deutschen Ski- Verbandes hervor, die am 24. Februar 1901 mit 18 Mitgliedern gegründet wurde. Er besaß in der Bergwirtschaft auf dem Geyersberg bei Eibenberg ein Vereinszimmer und errichtete hier auch einen Sprunghügel, der Sprünge bis zu 20 Metern ermöglichte. Auf dem Geyersberg veranstaltete der Chemnitzer Ski-Club alljährlich ein beliebtes Wintersportfest. Der Klub entwickelte große Aktivitäten in der Teilnahme an Wettkämpfen. So war er z.B. bereits bei dem am 8. und 9. Februar 1908 in Altenberg ausgetragenen Wettkampf des Ski-Verbandes Sachsen mit 11 Nennungen vertreten. Im Jahre 1911 errang der Chemnitzer Ski-Club in Oberwiesenthal den begehrten Königspreis. Es gab auch einen Skispringer, der für Chemnitz antrat und dabei achtbar abschneiden konnte. Es war der hier garnisonierte Leutnant Hans Edler von der Planitz von den Kaiserulanen. 1914 stellte er mit 41 Metern in Garmisch- Partenkirchen einen neuen deutschen Rekord auf und 1920 holte er sich den Titel eines Deutschen Skimeister. Interessant übrigens, daß ab 1910 in Chemnitz auch eine Auskunftsstelle existierte, in der man sich exakt über die Wintersportverhältnisse in der Chemnitzer Region und im Erzgebirge informieren konnte. Sie hatte ihren Sitz im Sport-Haus Gustav Schulze in der Poststraße 53.