Neues Altes aus der Bretgasse

aus VS Aktuell 3/2009, erschienen im  VS Aktuell 3/2009   Aus der Stadtgeschichte 

Die Bretgasse gehört zu den kür­zesten, aber auch zu den ältesten und interessantesten Straßen der Chemnitzer City. Die mittelalterli­che Gasse, zugehörig zum einsti­gen Chemnitzer Viertel (heute Zent­rum) führte ursprünglich vom Markt bis zur heute nicht mehr existieren­den Lange Straße, das heißt, sie en­dete vor dem erhalten gebliebenen Gebäudeteil des am 1.Dezember 1859 eingeweihten Hauptpostam­tes. Heute ist sie bis zum Gleisbett der Bahnhofstraße verlängert.

Erstmals ist die Bretgasse als „Bret- Gässchen“ in dem vom Geometer Johann Paul Trenckmann im August 1761 gezeichneten „Grund-Riss des Weichbildes der Stadt Kemnitz“ an­schaulich dokumentiert. Dabei sind eingangs und ausgangs der Bretgas­se zwei Wasserkästen eingezeichnet. Schwieriger ist es schon, die Her­kunft des Namens zu deuten. Der Historiker Emil Weinhold führt ihn darauf zurück, dass in Pestzeiten Ein- und Ausgang der Gasse durch Bretterverschläge gesperrt wurden, um eine Ausbreitung der furchtba­ren Krankheit zu verhindern. Im Ad­ressbuch der Industrie- und Han­delsstadt Chemnitz hingegen ist von „Breiter Gasse“ als Gegensatz zu an­deren schmaleren Gässchen die Rede.

Nach dem Schocksteuerregister von 1717 umfasste die Bretgasse 13 Grundstücke, von denen 12 Hand­werker im Besitz hatten: „3 Schus­ter, 2 Riemer, Schleifer, Tuchscherer, Buchbinder, Bäcker, Tischler, Sattler, Seiler je 1“. Einer von ihnen war der Sattlermeister Adam Wendisch. Um die Bretgasse ranken sich auch tra­gische und natürlich auch merkwür­dige Ereignisse. Im Dreißigjährigen Krieg verzeichnet die Pinthersche Chronik unter dem 12. April 1634, „eine von Mordbrennern zwischen 11 und 12 Uhr im Bretgässchen bei Hans Rößler angelegte Feuers­brunst“, die 135 Häuser der Stadt in Schutt und Asche legte.

Von dem an der Ecke Markt/Bret­gasse stehenden Haus waren die Fenster nach der Bretgasse hin zu­gemauert. Und damit hatte es der Sage zufolge folgende Bewandtnis: In diesem Haus lebte im 17. Jahr­hundert der Advokat Seidelmann. Er war wegen seiner Grausamkeit gegenüber Armen berüchtigt. Zur Strafe fand sein Geist nach dem Tode keine Ruhe und er erschreck­te die Vorübergehenden mit sei­ner Fratze an den Fenstern. Darauf­hin wurden die Fenster zugemauert. Doch der Geist Seidelmanns rumor­te im Haus weiter, bis er endlich durch den Stadtpfarrer in die Sei­delmannhöhle nach Glösa verbannt wurde. An der Wende zum 20. Jahr­hundert führte die Bretgasse den Spitznamen „feuchte Gasse“, denn die Untergeschosse von sämtlichen rechtsseitigen Häusern wurden von Schankstätten eingenommen: die Weinstuben Emil Hartenstein, die Schäfersche Schankwirtschaft, die Weinstube Reh, der „Europäische Hof“ und Erichs Bierstube. Dazu ka­men noch auf der gegenüberliegen­den Seite Lamberts Bierstube und die Weinstube von Kornmann. Auf der linken Seite erhob sich eingangs der Bretgasse ein ansehnliches Ju­gendstilgebäude. In ihm befanden sich bis 1945 die Kammerlichtspie­le „Filmeck“, vordem „Astoria“ und auch „Zentrum-Lichtspiele“ ge­nannt. Das Gebäude überlebte die Luftangriffe und wurde danach zum Stadthaus. In den Straßenverzeich­nissen und Stadtplänen der DDR taucht der Name Bretgasse nicht auf. Er ist erstmals 1991 wieder in der „Citykarte Chemnitz“ verzeichnet. Seither schreibt sie neue Annalen.

Vom Markt aus linkerhand gibt sie am Platz „An der Alten Post“ den Blick auf das Mahnmal (im Volks­mund „die Scheibe“) frei, das, von Silke Rehberg geschaffen, 1995 zum 50. Jahrestag des furchtbaren Luft­angriffs auf Chemnitz eingeweiht wurde. Eine Digitaluhr gibt den momentanen Zeitpunkt seit dem schrecklichen Ereignis an.

Seit 2008 wurden in der Bretgas­se Ersatzvarianten für das in die Kri­tik geratene Marktpflaster getes­tet. 1.500 Bürger nahmen daran teil. Doch das von ihnen favorisier­te Testfeld kann nun doch aus Kos­tengründen nicht realisiert werden und so ist jetzt eine neue Variante im Spiel.