Zu Fuß mit Essenbehältern durch die Stadt…

Die Leiterinnen der Sozialstationen Scheffelstraße und Limbacher Straße vorgestellt

Seit 1991 verfügt die Volkssolidarität in der Stadt Chemnitz über drei Sozialstationen, verteilt im gesamten Stadtgebiet. Ihre Aufgaben reichen von der häuslichen Krankenpflege über die Tagesbetreuung für an Demenz erkrankte Menschen bis hin zu Hauswirtschaftshilfen u.v.a.m. Bei dem Aufbau des Angebots haben zwei Mitarbeiter jeweils in ihren Sozialstationen entscheidend mitgewirkt: Marina Müller und Renate Hübner.

Da ihr Sohn eingeschult wurde, suchte Marina Müller 1985 nach einer Halbtagesstelle und fand diese bei der Volkssolidarität. Die heutige Leiterin der Sozialstation Scheffelstraße koordinierte und kontrollierte damals als Brigadierin für Hauswirtschaft die hauswirtschaftlichen Leistungen sowie die Essenversorgung der älteren Leute. Sie sammelte Essengelder ein und ging selbst mit Essenbehältern durch die Stadt. Ihr Einzugsbereich war Kappel und das Flughafengebiet. Auf der Horst-Menzel-Straße war damals die Geschäftsstelle ansässig. „Einmal in der Woche sind die Brigadiere von dort in die verschiedenen Stadtteile ausgeströmt, um die Bürger aufzusuchen, Gespräche zu führen und zu schauen, was diese benötigen und dann entsprechende Leistungen festzulegen. Es ging dabei nur um das Reinigen der Wohnung und um die Essenversorgung. Pflegemaßnahmen wurden, wenn überhaupt, zu dieser Zeit noch von Gemeindeschwestern durchgeführt“, erzählt die gelernte Krippenerzieherin.
 Die Versorgung mit Mittagessen erfolgte vor der Wende über Essenstützpunkte, welche in den einzelnen Stadtbezirken verteilt waren. In Kappel gab es auf der Horststraße eine solche Einrichtung, bei welcher die Hauswirtschafterinnen und die Essenträger das Essen für die Leute abgeholt und in die Wohnung getragen haben. „Es war eine anstrengende Arbeit, täglich zu Fuß und mit zehn bis zwölf Essenbehältern aus Aluminium für zwei bis drei Stunden durch die Stadt zu laufen. Doch es hat auch großen Spaß gemacht“.
Marina Müller erinnert sich, dass es in einigen altersgerechten Wohnhäusern eigene Essenstützpunkte gab. „Hier war es so, dass wir von den Bewohnern Töpfe oder Schüsseln bekamen, diese füllten und wieder zurückbrachten. Es gab extra Auftragsscheine, mit Namen und allen wichtigen Daten, welche die Grundlage für den Lohn bildeten“. Viele Rentner übernahmen damals diese Arbeit, um sich etwas zu ihrer Rente hinzuzuverdienen. Die Essenverteilung war sehr gut geregelt und wurde von der Stadt bezahlt. „Meine Aufgabe war es, das Ganze zu koordinieren, zu kontrollieren und die Essengelder einzusammeln“.
 Als dann die Wende kam, änderte sich einiges. Die Stadtbezirke wurden aufgelöst, der Stadtverband gegründet und drei Sozialstationen nahmen ihre Arbeit auf. Die hauswirtschaftlichen Aufgaben und die Essenverteilung wurden auf die Einrichtungen aufgeteilt.
 Fast zur gleichen Zeit wurde auf der Horst-Menzel-Straße eine Leiterin für die neue Sozialstation gesucht. Renate Hübner hatte sich zu dieser Zeit gerade arbeitslos gemeldet, als sie bei der Arbeitsvermittlerin die Arbeitsanforderung für eine Stelle als „Finanzer“ bei der Volkssolidarität ausliegen sah. Sofort reichte sie ihre Bewerbungsunterlagen ein und hoffte auf ein positives Ergebnis. „Es war der 14. Juli 1991 und ich war gerade am Koffer packen, da wir am nächsten Tag in den Urlaub fahren wollten“, erinnert sich Renate Hübner. „Das Telefon klingelte und ein gut gelaunter Andreas Lasseck begrüßte mich mit Glück Auf, morgen geht es los. Sie sind unsere neue Leiterin der Sozialstation“. Nach einigem Hin und Her sagte sie ihren Urlaub ab und war am nächsten Tag pünktlich in den Räumen der Geschäftsstelle, ohne zu wissen, was sie wohl erwarten würde. „Ich wusste damals weder was eine Sozialstation ist, geschweige denn, welche Aufgaben diese hatte“. In einem spärlich eingerichteten Zimmer saß sie nun, ohne Schwestern und vor allem ohne Patienten. Eine Arbeitsgrundlage musste geschaffen werden, fing man doch damals bei Null an. „Gemeinsam mit einer Brigadierin für Hauswirtschaft, welche genau wie ich als ABM eingestellt war, suchte ich im Archiv Adressen von ehemaligen Essenteilnehmern und Personen heraus, welche schon früher Hauswirtschaft in Anspruch genommen haben. So konnten wir erste Kontakte aufnehmen“, erzählt Renate Hübner weiter. Nachdem sie ein Konzept erarbeitet hatte, welches sie Ärzten und Krankenkassen vorgestellt hatte, bekam sie am 21.07.1991 zwei Schwestern vom Arbeitsamt. Nachdem diese in der Sozialstation auf der Clausstraße angelernt worden waren, konnte mit der Arbeit begonnen werden. Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Bus fuhren die Schwestern zu den ersten Bürgern. Für die Essenverteilung bekam die Sozialstation einen Trabant und einen roten Wartburg vom Bezirksausschuss der Volkssolidarität. Oft war die Arbeit beschwerlich, doch die Mühen haben sich gelohnt. Schon kurze Zeit später konnten im Erdgeschoss der Horst-Menzel-Straße schöne Räume eingerichtet werden. Neben einem Schwesternzimmer erhielt die Sozialstation auch ein Zimmer für die Zivildienstleistenden, die Hauswirtschaftsstrecke wurde weiter aus- und die häusliche Krankenpflege aufgebaut.
 Auch die Sozialstation auf der Scheffelstraße stand vor neuen Aufgaben. Marina Müller übernahm die Koordination für Hauswirtschaft und Mittagessen. Täglich wurden 140 Mittagessen in verschließbaren Thermosbehältern getragen, welche nach der Wende anfangs bei einer Cateringfirma auf der Helbersdorfer Straße geholt wurden. Später kochte das Burghotel in Rabenstein für die Einrichtung. Ab 1992 wurde zusätzlich damit begonnen, am Wochenende Mittagessen anzubieten. Da die Essenausgaben in den altersgerechten Wohnblöcken nach und nach geschlossen wurden, ist das Anschaffen von PKWs notwendig gewesen.
 „Wir hatten damals immer bis zu acht Zivis und zehn bis zwölf Hauswirtschafterinnen, die täglich bis zu sechs Stunden gearbeitet haben. Einige wurden auch aus DDR-Zeiten übernommen“, erzählt Marina Müller. Die Schwierigkeiten, die nach der Wende auftraten, waren vor allem, dass die Hauswirtschaft und auch die Essenversorgung komplett selbst bezahlt werden mussten. Vor 1990 hat die Stadt einen großen Teil der Kosten übernommen. Da die Hauswirtschaft durch die hohen Selbstzahleranteile einen herben Rückschlag erlitt, musste Vieles neu aufgebaut werden. Genau wie Renate Hübner ist auch Marina Müller losgezogen, um den Bedarf zu ermitteln und Hauswirtschaftsverträge abzuschließen. Sie kassierte Essengeld, schrieb Rechnungen und nahm Kontakt mit Ärzten auf, um die Leistungen der Sozialstationen bekannt zu machen.
 Neben dem Ausbau der Hauswirtschaft, des Fahrten-, Wäsche- und Begleitdienstes hat sich auch die Pflege entwickelt. Einstige Gemeindeschwestern, welche in der DDR die häusliche Pflege übernahmen und an Ärztepraxen gekoppelt waren, fielen weg und wurden teilweise von den Sozialstationen übernommen. „Doch es mussten erstmal Menschen, welche Pflege benötigen, gefunden werden. Mithilfe von Ärzten, welche uns Pflegefälle mitteilten, sowie eigenen Bedarfsermittlungen hatten wir bald unseren ersten Patienten. Stetig kamen neue hinzu“, erzählt Marina Müller. Anfangs war das sehr kompliziert. Man musste sich überall durchfragen, Ärzte mussten plötzlich Verordnungen für die Leistungen schreiben und Patienten mussten Pflegeanträge stellen sowie verschiedene Leistungen selber bezahlen.
 Renate Hübner erinnert sich zudem, dass den verschiedenen Wohlfahrtsverbänden, die Pflege anboten, bestimmte Stadtgebiete zugewiesen wurden. Dementsprechend hatte man nur in „seinen“ Stadtteilen Patienten. Lediglich wenn jemand einen bestimmten Pflegedienst forderte, wurde dies ermöglicht. Man erhielt außerdem Zuwendungen vom Sozialamt und die Krankenkassen bezahlten fast alle pflegerischen Maßnahmen.  
 Inzwischen gibt es in Chemnitz zahlreiche Anbieter für häusliche Krankenpflege und die Betroffenen müssen die meisten Leistungen selbst finanzieren. „Wir müssen uns immer etwas Neues einfallen lassen“, berichtet Marina Müller. Seit 2007 gibt es in der Sozialstation eine Tagesbetreuung für an Demenz erkrankte Menschen. Auch auf der Limbacher Straße und der Hilbersdorfer Straße gibt es solche Einrichtungen. „Diese spezielle Betreuung soll Fertigkeiten zum Erhalt der Selbstständigkeit aktivieren, die Körperwahrnehmung verbessern und oft eingetretene Einsamkeit überwinden. Bei Spielen, Sport, Handarbeiten und anderen Beschäftigungen werden die Patienten in Gruppen oder bei Hausbesuchen gefordert und gefördert“, erzählt Renate Hübner.
 Die Essenversorgung wurde an die Zentrale Versorgungseinrichtung des Stadtverbandes übergeben. Nachdem Marina Müller an einigen Schulungen im Bereich Buchhaltung und Sozialmanagement teilgenommen hat, übernahm sie 2000 die Leitung der Sozialstation. Seitdem versucht sie tagtäglich das gesamte Objekt, einschließlich der Begegnungsstätte, zu koordinieren und dabei die einzelnen Abteilungen zusammenzuführen, zu lenken und zu leiten. „Hier profitiere ich jetzt von meinen Erfahrungen aus der Praxis, da ich selbst Essen getragen habe, sauber gemacht habe und bei Pflegemaßnahmen mitgefahren bin.“ Stolz sind beide Leiterinnen auf ihr Team. „Gut ausgebildetes Fachpersonal zu finden ist heute leider nicht so einfach. Umso mehr weiß ich es zu schätzen, dass mein Team fest zusammenhält und das schon seit vielen Jahren“, erzählt Renate Hübner. Besonders seit dem Umzug 1998 in die neuen hellen Räumlichkeiten auf der Limbacher Straße ist das Arbeiten sehr viel angenehmer geworden. Die Sozialstation wurde hier in ein Betreutes Wohnen des Stadtverbandes integriert. Die Leitung des Objektes fiel ebenfalls in ihren Zuständigkeitsbereich. Rund um die Uhr sind Schwestern in Bereitschaft, um im Notfall den Mietern Hilfe zu leisten. Die Bewohner können zudem zu jeder Zeit zu den Schwestern gehen. „Wir führen hier ein Haus der offenen Tür. Jeder ist willkommen und wir versuchen zu helfen, wo wir können. Im Januar dieses Jahres haben wir außerdem eine Beratungsstelle für Pflege, Soziales und Wohnen im Alter eröffnet. Hilfsbedürftige Bürger der Stadt können sich hier zu Pflege- und Sozialleistungen beraten und unterstützen lassen“ fährt Renate Hübner weiter fort. Im Sommer wurde die Leiterin in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet, bleibt dem Haus jedoch weiterhin für ein paar Stunden in der Woche erhalten. Die Leitung hat sie an die bisherige Pflegedienstleiterin Christiane Schulze übergeben.
 Beide Leiterinnen schauen gern auf die vergangene Zeit zurück. Viel hat man erlebt, viel musste gelernt und aufgebaut werden, es waren nicht immer leichte Zeiten, doch die Anstrengungen haben sich gelohnt.
Sozialstationen des Volkssolidarität Stadtverband Chemnitz e.V.:

  • Sozialstation Clausstraße 31, Tel.: 0371 5385170
  • Sozialstation Scheffelstraße 8, Tel.: 0371 281060
  • Sozialstation Limbacher Str. 71b, Tel.: 0371 3804100
  • Sozialstation Mittweida, Burgstädter Str. 75, Tel.: 03727 623410

aus VS Aktuell 3/2010, erschienen im  VS Aktuell 3/2010   Mitarbeiter vorgestellt   Sozialstationen