Grußwort

Wohnungsbesichtigung im Betreuten Wohnen mit Bürgermeisterin Heidemarie Lüth (r)

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde der Volkssolidarität,

vor etwa zehn Jahren galt das Betreute Wohnen als die Alternative schlechthin zum Pflegeheim, ermöglicht es doch älteren und hochbetagten Menschen bis ins hohe Alter hinein ein Leben in den eigenen vier Wänden. Durch die barrierefreie Bauweise können sie auch mit einem Rollator oder Rollstuhl ihre Wohnungen erreichen. Begegnungsstätten, Treffs und Klubs bringen in viele Wohnanlagen das sprichwörtliche „Leben ins Haus“, indem sie mit Veranstaltungen, Mittagstisch und Zirkeln zu Treffpunkten vieler Menschen in den Wohngebieten geworden sind und dadurch der Vereinsamung älterer Menschen innerhalb und außerhalb einer Wohnanlage entgegenwirken.

Die Stadt Chemnitz sah das vor einigen Jahren auch so. Nicht ohne Grund wurde das „Qualitätssiegel für Betreutes Wohnen der Stadt Chemnitz“ eingeführt. Um dieses Gütesiegel zu bekommen, musste eine Wohnanlage zwangsweise Barrierefreiheit aufweisen. Noch vor zwei Jahren wurde es neu aufgelegt und an Objekte der AWO und der Volkssolidarität verliehen. Vermutlich ist die Kommune auch ein wenig stolz auf die hohen Standards der Wohnanlagen mit Qualitätssiegel gewesen. Wie anders ist es zu erklären, dass Bürgermeisterin Heidemarie Lüth im November 2008 eine Delegation aus der finnischen Partnerstadt Tampere durch die Wohnanlage Clausstraße 27-33 führte.

Doch nur drei Jahre später scheint das Betreute Wohnen eine überholte Wohnform zu sein. Von „Ghettoisierung“ ist die Rede und das Wohnen von mehreren Generationen in einem Wohnobjekt wird propagiert. Was schön klingt, erweist sich jedoch bei genauerem Hinsehen als problematisch. Dabei ist nicht nur daran zu denken, dass jüngere und ältere Menschen durchaus einen anderen Lebensrhythmus haben und dass sie auch völlig unterschiedliche Musik anhören, sondern auch, dass das Altern Probleme mit sich bringt, mit dem junge Familien nicht umgehen können und möchten. Dazu gehört nicht nur das Schallen lauter Schlagermusik bei Schwerhörigkeit, sondern auch, dass ältere Nachbarn zunehmend verwirrter werden können und letztendlich an Demenz leiden. Diese Krankheit bereitet sicherlich auch in den Wohnanlagen für Betreutes Wohnen Probleme, aber hier ist Personal vor Ort, welches darauf eingestellt ist.

Erstaunlich ist auch, dass mittlerweile nicht mehr die barrierefreie Gestaltung von Häusern maßgeblich für das Wohlbefinden älterer Menschen sein soll. Ein neuer Begriff wurde gefunden: „barrierearm“. Diese Beschönigung adelt beispielsweise Gebäude als seniorengerecht, in denen der Fahrstuhl erst nach dem Überwinden einer Treppe erreichbar ist. Auch wenn es nur wenige Barrieren sind, die sich einem auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesenen Menschen in den Weg stellen, bleiben es Barrieren. In Hinsicht auf den Wohnungsleerstand in Chemnitz scheint es aber nicht verwunderlich, dass einige Vermieter durch diese Beschönigung ihre teilweise hoch betagten Mieter halten möchten. Ob das jedoch im Interesse der Senioren ist, bleibt fraglich.

Der Stadtverband würde es sehr begrüßen, wenn die Wohlfahrtsverbände in solche Entscheidungen mit einbezogen werden. Es ist nicht hilfreich, wenn wie kürzlich zur Beratung des Sozialamtes die Träger von Begegnungsstätten nur informiert werden, aber keinerlei Mitspracherecht bei der Gestaltung der sozio-kulturellen Arbeit wirkungsvoll einbringen können. Zumindest empfinden es die Träger so.