„Hier gilt es, Schütze, Deine Kunst zu zeigen!“ (Friedrich Schiller)

Das Sportschießen gehört zweifellos  zu den traditionsreichsten Sportarten. In der Stadt Chemnitz kann es immerhin auf eine mehr als fünfhundertjährige Vergangenheit zurückblicken. Pfingsten war dabei stets der Höhepunkt. Denn es war vielfach geprägt von den Fest- und Königsschießen der Schützen- und Schießgesellschaften.

Ihren Ursprung hatten diese in dem militärischen Erfordernis, die Bürgerschaft infolge des seinerzeitigen Fehlens stehender Heere für den Kriegsfall zum Schutz und zur Verteidigung der Stadtgemeinde waffengeübt und wehrfähig zu erhalten. Nach dem Beispiel der Innungen schlossen sich dann die Schützen freiwillig zu Gesellschaften zusammen. Entsprechend dem Entwicklungsstand der Waffentechnik erfolgte im 15. Jahrhundert ihre Ausrüstung bis zur Einführung der Feuerwaffen mit der Armbrust. So ist aus einem Zwickauer Schützenbrief zu erfahren, dass Chemnitzer Armbrustschützen am 5. Juli 1489 an einem Landesschießen in Zwickau teilnahmen. Durch die Feuerwaffen entstand dann die Büchsenschützengesellschaft. Eine erste Notiz über sie findet sich unter dem Jahr 1547. Der Dreißigjährige Krieg brachte das Schützenwesen in Chemnitz total zum Erliegen.

Erst das 18. Jahrhundert führte zu einer Wiederbelebung. Die Schützen führten wieder regelmäßig Schießtraining durch und veranstalteten Schützenfeste. An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert begann die Uniformierung der Schützen. Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon erhielten die Chemnitzer Schützen per Königsorder den Status einer Piviligierten Scheibenschützengesellschaft.

Die älteste Trainingsstätte der Schützen war des Areal des Angers (heute Theaterplatz). Hier fanden auch die ersten jährlichen Schützenfeste statt, die sich zu echten Volksfesten gestalteten. Die Wettkampfsbedingungen lauteten für Armbrustschützen: 50 Schuß aus einer Entfernung von 125 sächsichen Ellen (etwa 70 m). Hier bei der „Raths-Ziegelscheune“ sorgten neben der Vogelstande und den Scheibenständen auf Würfenbuden, Kletterstangen und anderes mehr für mannigfaltige Unterhaltung. Und natürlich gingen die Schützenfeste stets mit einem großen Trinkgelage einher. Ein besonderer Höhepunkt war das vom König August initiierte Schützenfest 1556, an dem er selbst teilnahm. Nach dessen Abschluss war der Rat der Stadt Chemnitz fast pleite. Eine weitere Übungs- und Wettkampfstätte bildete der „Zwinger“, ein Schießgraben in der Nähe des Nikolaitores (etwa beim heutigen Pfortensteg) mit einem Schießhaus „unterm Katzenberge“ (Kaßberg), das im Oktober 1813 von marodierenden Soldaten ausgeplündert wurde. Ein dritter Schießberg, der auch teilweise als Floßplatz benutzt wurde, war an der Annaberger Straße angelegt worden. Dort wurde auch 1844 ein Schießhaus errichtet, das jedoch 1854 abbrannte. Nach dem Wiederaufbau in der Nähe der Gustav-Freytag-Straße wurde es im Jahre 1856 mit einem großartigen einwöchigen Schützenfest eingeweiht. Doch durch die rasch voranschreitende Bebauung des städtischen Terrains und dem ständig zunehmenden Eisenbahnverkehr waren die Schützen gezwungen, ihr Schießhaus wieder aufzugeben. Nachdem das Restaurant „Waldschlößchen“ in Hilbersdorf von 1872 bis 1876 als Interimsstandort gedient hatte, erfolgte am 4. Juni 1876 die feierliche Eröffnung des „Etablissiments Schützenhaus Altendorf“, ein für seinerzeitige Verhältnisse moderner und komfortabler Schießstandkomplex. Neben vorzüglichen gastronomischen Einrichtungen besaß das Objekt eine Schießhalle mit 18 Bahnen für 175-Meter-Distanz, 14 für eine 300-Meter-Distanz, zwei Pistolenstände und drei Stände für das Schießen auf laufende Figuren. Das Altendorfer Schützenhaus wurde für sieben Jahrzehnte, bis zur Auflösung der Schützenvereine durch Befehl der SMAD Nr. 126 vom 30. Oktober 1945, zum Mittelpunkt des Chemnitzer Schützenwesens.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erfuhr das Schützenwesen unter der patriotischen Losung „Üb Aug und Hand für`s Vaterland!“ einen beträchtlichen Aufschwung. So entstanden in den einzelnen Stadtgebieten etwa ein Dutzend Schützenvereine, die auch eigene Trainingsstätten besaßen. Dazu gehörte z. B. das Schützenhaus der Scheibenschützengeselllschaft Chemnitz-Gablenz oder die Schießhalle Chemnitz-Bernsdorf. Charakteristisch war, dass stets zusammen mit dem Bauantrag zugleich der Antrag auf Erteilung einer Schankkonzession gestellt wurde. Denn schließlich brauchten die Schützen ja „Zielwasser“ (!).

Außerordentlichen Zuspruch bei der Chemnitzer Einwohnerschaft fanden die alljährlichen Pfingst- und Königsschießen, die reguläre Volksfeste bildeten. Sie währten im Allgemeinen eine Woche und endeten mit der Kür des Schützenkönigs. Den Abschluss bildete dann eine Festtafel mit der Siegerehrung. Eine besondere Rolle bei den Schützenfesten spielte der Schützenzug. Angeführt von berittenen Herolden marschierten die Schützen mit Kapellen und Festwagen vom heutigen Theaterplatz durch die festlich geschmückten Hauptstraßen der Innenstadt über den Kaßberg zum Festplatz in Altendorf.

1855 und 1914 wurden die Chemnitzer Schützen mit der Ausrichtung des Mitteldeutschen Bundesschießen, 1927 und 1932 der Gaumeisterschaften des Sächsischen Wettinschützbundes betraut. Nach der Wende wurde zu Beginn der 1990er Jahre noch einmal der Versuch unternommen, die Traditionen der Schützenfeste wieder zu beleben. Doch er fand nicht die erforderliche Resonanz und so bleiben uns nur die Erinnerungen.

aus VS Aktuell 2/2011, erschienen im  VS Aktuell 2/2011   Aus der Stadtgeschichte