Pflanzenrätsel

Eine heitere literarische Geschichte von Andreas Wolf – hier mit A.

abgekürzt – und seiner Frau Steffi – der Kürze wegen mit S. betitelt.

A:Also, es ist ein eigenartiger Vertreter aus der Familie der Dickblattgewächse (Crassulaceae). 

S:Ein Affenbrotbaum? 

A:Nein. Die ursprüngliche Heimat des Gewächses ist Madagaskar.

S:Eine Madagaskarpalme?  

A:Das wäre doch zu einfach!

S:Wo wächst denn die rätselhafte Pflanze? In der Wohnung oder im Garten? Und wie groß wird sie?

A:In Stuben kann sie ungefähr einen Meter hoch werden. 

S:Da braucht es schon etwas Platz. Besitzen wir so ein Gewächs?

A:So ist das!

S:1 Meter, sagst du?

A:Könnte sein, sagte ich.

S:Was soll das bei dem Stubendschungel sein? Blüht das Kraut überhaupt?

A:Es handelt sich nicht um Kraut …

S:Sondern um Rüben?

A:… also, bitte!

S:Kraut hat doch dicke Blätter und du suchst nach einem Gewächs aus der Familie der Dickblätter?

A:So ein Kohl. Wächst der vielleicht bei uns auf dem Fensterbrett?!

S:Ist ja gut, mein Kohlweißling. Ich meinte nicht Schmorkohl, sondern eine krautig wachsende Pflanze.Blüht sie oder nicht?

A:Sie hat fleischig gezähnte Blätter und sehr hübsche Blüten, eher klein und schlicht.

S:Wie die Pflanzen, welche auf den Hiddensee-Dampfern nach Stralsund auf den Tischen stehen? Die, wo du letztens noch ein paar Blätter geklaut hast.

A:Ich klaue doch nicht! Schon gar nicht als Stadtrat. Ich habe lediglich ein, zwei Blätter als Souvenier an die Reederei mitgenommen, da es diesmal keine Porzellanbecher mit Motiv gab. Mal sehen, ob das Absenkern funktioniert. Die Blätter stecken ja schon eine Zeit lang in der Erde. Ganz im Sinne der Naturforschung …

S:Ja, ja ihr Politiker! Ist es nun die Dampferpflanze?

A:Nein. Du hast aber dennoch nicht ganz unrecht.

S:Das weiß ich schon lange.

A:Was?

S:Dass ich nicht ganz unrecht habe!

A:Typisch, das passt zu dir!

S:Wie zu dir das Reden um den heißen Brei herum, genau wie bei einigen deiner Stadtratskollegen. 

A:Du willst mich doch nicht mit denen in einen Topf hauen?

S:Nee, aber den Kohl!

A:Was hat denn der kapitalistische Altkanzler damit zu tun?

S:Du weißt genau, was ich meine. Es geht weder um Helmut noch um den Kohl, welcher im Stadtrat zusammengeköchelt wird. 

A:Also erstens bestelle ich nicht immer und zweitens schon gar nicht mit den Methoden manch anderer die Ratsfelder der Kommune. 

S:Klar. Aber es geht im Moment ja auch gar nicht darum.

A:So, worum geht es dir dann?

S:Um eine Portion Humor und genauere Angaben. Nicht so undeutliche Hinweise wie eben! Was soll ich damit anfangen?

A:Rätselraten! Mit der „Dampferpflanze“ meintest du das „Flammende Kätchen“. Das ist nicht die gesuchte Pflanze, du hast aber trotzdem auch recht, da sie botanisch Kalanchoe heißt. Genau wie die Rätselpflanze.

S:Du willst mich wohl veräppeln!

A:Eben mal nicht! Ältere Exemplare bekommen bei guter Pflege reizvolle und glockenförmige Blüten. 

S:Du erwartest doch nicht, dass ich alle Verwandten der Kätchenfamilie aufzähle, bis mal eines von einem Züchter X dabei ist, was dir in den Kram passt?

A:Es geht doch gar nicht um das Flammende Kätchen.

S:Vorsicht! Es flammt gleich was anderes!

A:Beruhige dich. Du bist nahe dran. Beim nächsten Hinweis tippst du dir sicher an die Stirn.

S:Ich tipp dir gleich mal an die Stirn!

A:Lass das doch! Es gibt eine einmalige tolle Besonderheit.

S:Ich merke schon: Der 1. April fällt dieses Jahr anders.

A:Ach was. Die Pflanze vermehrt sich scheinbar wie der süße Brei.

S:Stopp! Nicht schon wieder auf Küchenrezepte abschweifen!

A:In der Botanik bilden die Gewächse auf verschiedene Möglichkeiten neue Nachkommen aus. Unzählige Samen sorgen meist dafür. 

S. Das ist nichts Besonderes und mir hinreichend bekannt.

A:Ja, aber unser grüner Freund macht das vollkommen anders. Die gesuchte Pflanze faszinierte schon Goethe so sehr, dass er sich mehrere Jahre über immer wieder mit dieser wundervollen Schöpfung beschäftigte und sogar ganze Abhandlungen darüber schrieb. Überliefert ist, dass er 1826 von der als Kuriosum geltenden Pflanze von Weimar aus ein Blatt an Marianne von Willemer nach Frankfurt am Main verschickte – mit folgender eigens verfasster Pflegeanleitung:

„Was erst still gekeimt in Sachsen/soll am Maine freudig wachsen./Flach auf guten Grund gelegt,/merke, wie es Wurzeln schlägt! Dann der Pflänzlein frische Menge/Steigt in luftigen Gedränge./Mäßig warm und mäßig feucht/Ist, was ihnen heilsam deucht./Wenn du’s gut mit Liebchen meinst,/blühen sie dir wohl dereinst.“

S:Na, mein lieber Chemnitzer Goethe, jetzt ist mir alles klar: das gute alte Brutblatt, an dessen Kerben sich vollständige Minipflanzen ausbilden. Da hast du dir aber wieder was einfallen lassen! 

A:Wieso ich, die originelle Beschreibung des ollen Dichters hat mich darauf gebracht.

S:Bevor der nächste Dichter herhalten muss, bringe ich dich zur Abwechslung auch mal auf was. Du solltest dich mal wieder darum kümmern, dass die vielen Jungpflänzlein, welche schon seit Tagen von den Blättern unseres Brutblattes rieseln, ein neues zu Hause bekommen!

Liebe Leser, dem werde ich gern nachkommen. Aber dazu möchte ich die Pflegetipps des Dichterfürsten noch etwas ausführlicher erläutern.

Brutblatt oder „Goethepflanze“ Kalanchoe daigremontiana

Die sukkulente Pflanze verträgt keine Staunässe und möchte möglichst hell stehen, gern auch in voller Sonne. Am besten gedeiht sie in Kakteen­erde oder in einem Lehm-Sand-Kompost-Gemisch. Im Sommer kann die Pflanze durchaus in sonniger Gartenlage oder auf dem Balkon untergebracht werden. Wie alle Sukkulenten verträgt sie hohe Temperaturen in der Vegetationsphase gut. Im Winter, während der Ruhezeit, sind zwischen 8 und 15 Grad Celsius ideal. Auch ein kühles aber unbedingt helles Treppenhaus erfüllt hier seinen Zweck. Die Wassergabe wird dabei eingeschränkt, das Substrat sollte trotzdem nicht über längere Zeit total austrocknen. Wer das beachtet, kann sich bei älteren Exemplaren im Frühjahr auf die Blüten freuen. Oftmals nähert sich dann die Lebensperiode der Altpflanze dem Ende, so dass es angeraten ist, sich einen Vorrat an jungen Nachkommen zu sichern. Das Aufziehen der Jungpflanzen ist in der Tat ein einfaches Werk. Halten Sie sich dabei an Geothe. Allerdings sollten möglichst gleich die geernteten vollentwickelten Pflänzlein in einzelne kleine Töpfe gesetzt werden. Wer einfach alles auf die Erde streut und abwartet, wird bemerken, dass sich nur die kräftigeren Geschöpfe im Konkurrenzgerangel um Licht und Erde behaupten. Der Nachwuchs will es wärmer haben, also stellen Sie die Töpfe bei Bedarf in ihr Stubenfenster.

Aufruf!

Liebe Blumenfreunde, Eltern, Omas, Opas, Onkel, Tanten/und auch sonst so Anverwandten Nachbarsleut und Kita-Leiter, macht hier mit und macht es weiter/Bis ein jedes Kind in unserer Stadt selber so ein Pflänzlein hat./Gebt es den Politikern und Industriellen,/bei dem andere Länder ihre Waffen bestellen./So gebt es auch der Bundeskanzlerin/sowie dem Diplomaten in Berlin./In jedem Fenster soll es stehn,/lasst es uns als Ritual des Friedens sehn./Mit den Pflänzlein soll auch die Vernunft gedeihen,/wenn sich dazu viele Menschen einreihen./So wird selbst die kleinste Brut/am Ende groß und gut.

Nicht von Goethe, aber von mir. Auf eine friedliche Zeit und einen grünen Daumen 

Ihr Andreas Wolf

PS. Jungpflanzen gebe ich gern ab, auch gute Ratschläge dazu.

A:Wusstest du, dass das Brutblatt sogar über heilende Kräfte verfügt?

S:Jetzt geht das schon wieder los …

aus VS Aktuell 3/2012, erschienen im  VS Aktuell 3/2012   Blumen- und Gartentipps