Chemnitzer Tierpark-Annalen

Das traditionsträchtige Jahr 2014 weist auch ein bescheidenes Ereignis aus: Die Einweihung des Tierparks an der Pelzmühle am 31. Mai 1964. Damit wurde ein Vorhaben in die Tat umgesetzt, das bereits vor über 100 Jahren seinen Ausgang genommen hatte. Mit der Entwicklung von Chemnitz zur Großstadt am Ende des 19. Jahrhunderts wurde zur Erhöhung der Attraktivität der Stadt auch die Frage der Errichtung eines städtischen Zoologischen Gartens auf die Tagesordnung gesetzt. Das wurde noch befördert durch das große Interesse der Einwohnerschaft für eine mobile Menagerie mit exotischen Tieren auf dem Neumarkt (heute: Theaterplatz) vom 29. Januar bis 11. März 1888. ?

Als Erster gestaltete der Besitzer des Gasthauses „Scheibe“, Schumann, Blankenauer Straße 70, am Ende des 18. Jahrhunderts seinen Restaurationsgarten zum „Thiergarten Scheibe“ um und schuf damit ein beliebtes Ausflugsziel. Dieses verfügte neben einer größeren Anzahl kleinerer Säugetiere und Vögel sogar über Bären, Löwen und Wölfe. Am 27. Mai 1916 wütete eine Windhose über dem Nordviertel. Dabei wurde der „Thiergarten Scheibe“ auf das Schwerste verwüstet. Was an Tieren überlebte, fiel der Futternot des Ersten Weltkrieges zum Opfer. Damit war das Aus für den ersten Chemnitzer Tierpark besiegelt. ?

Der erste Versuch, einen städtischen Tiergarten einzurichten, resultiert aus dem Jahre 1903. Damals war die Anlage eines Tierparks auf der Basis einer Aktiengesellschaft am Goldborn im Zeisigwald auf einem Terrain von 65.000 m² ins Auge gefasst worden. Doch das Projekt scheiterte daran, dass die für den Bau und die Einrichtung der Anlage erforderliche Aktiensumme nicht aufgebracht werden konnte und auch der Stadt die notwendigen Fördermittel fehlten. ?

Die nächste Tiergarten-Initiative startete der Besitzer des Gasthauses „Zur Linde“. In dem Areal zwischen Bahnhofs- und Waisenstraße befand sich vom 29. Mai 1925 bis 21. September 1930 der sogenannte „Chemnitzer Sommerzoo“. Er verfügte nach dem Beispiel der Hagenbeckschen Anlage in Hamburg über ein Freigehege für zehn Löwen, einen Affenfelsen für 30 Mantelpaviane, ein Becken für drei Seelöwen und eine Felsenanlage für vier Malayenbären. Eine ganz besondere Neuheit bildete die Dreiheit von Aquarium, Terrarium und Insektarium. Eine tiergärtnerische Besonderheit bildete die Tatsache, dass die Tiere nur sommers über in Chemnitz weilten , während sie im Winter ihr Quartier im Leipziger Zoo bezogen. Fehlende Erweiterungsmöglichkeiten für das Zooterrain und die Reduzierung der Mittel durch die heraufziehende Weltwirtschaftskrise brachten abermals ein Aus für ein Chemnitzer Zoo-Unternehmen. ?

Auch der nochmalige Versuch für den Tiergarten-Wiederaufbau in der „Scheibe“ mit Hilfe des Dresdner Zoos im Jahre 1932 sowie die Affenanlage im Ausflugslokal „Pelzmühle“ hatten bis Kriegsende nur einen kurzzeitigen Charakter. ?

Es dauerte nun über sechs Jahrzehnte bis am Rande der Stadt mit Hilfe tausender freiwilliger Arbeitsstunden und Unterstützung aus den Betrieben ein beliebtes Ausflugsziel entstand: Der Heimattiergarten mit etwa 100 Tieren. Ab Mitte der 1970er Jahre spezialisierte sich die Einrichtung auf die Zucht und Haltung von Tieren Osteuropas und Asiens (UdSSR). Seit der Wende wird ein Konzept verfolgt, das speziell die Haltung und Fortpflanzung gefährdeter und bedrohter Tierarten sowie die Ausstellung besonders interessanter und attraktiver Tierarten vorsieht. Doch zur Verwirklichung dieses Vorhabens braucht der Tierpark mit seinem Personal und dem Förderverein nicht nur öffentliche Schelte – wie in letzter Zeit mehrfach geschehen – sondern vor allem zuerst aktive Hilfe.

aus VS Aktuell 2/2014, erschienen im  VS Aktuell 2/2014   Aus der Stadtgeschichte