„Gesundheit ist eine Ware“– Mythen und Probleme des kommerzialisierten Gesundheitswesens

aus VS Aktuell 2/2015, erschienen im  VS Aktuell 2/2015   Seniorenpolitisches Netzwerk Chemnitz   Seniorenpolitisches Netzwerk 

Am Donnerstag, den 9. April 2015, fand im Stadtteiltreff der Volkssolidarität Clausstraße 27 eine Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e. V. in Kooperation mit dem Seniorenpolitischen Netzwerk Chemnitz und dem Seniorenverband Bund der Ruheständler, Rentner und Hinterbliebene, Kreisverband Chemnitz (BRH) statt. Dr. med. Nadja Rakowitz, Geschäftsstellenleiterin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää), Maintal hat in ihrem Vortrag mit anschließender Diskussion folgende Vorurteile ausgeräumt:

„In ein paar Jahren wird das Gesundheitswesen unbezahlbar sein“ – so das Bedrohungsszenario, das hierzulande seit Jahrzehnten aufgebaut werde. Die „Kostenexplosion“ sei auf den demografischen Wandel und den medizinisch-technischen Fortschritt zurückzuführen. Nicht zuletzt versetze die „Freibiermentalität“ der PatientInnen, die sich aufgrund der „kostenlosen medizinischen Versorgung entwickelt habe, dem System der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) den Todesstoß.“

Richtig sei, dass Deutschland besonders in den letzten vier Jahren, eine Kostenexplosion im Gesundheitswesen zu verzeichnen habe (6 % vom Bruttoinlandsprodukt).Gründe seien u. a., dass das Gesundheitswesen immer weiter privatisiert werde. Niedergelassene Ärzte/Fachärzte würden zum privaten Unternehmer mit medizinisch sinnlosen „Igel“-Leistungen u. v. m. werden. Der medizintechnische Bereich sei in Privathand. Im Krankenhausbereich gäbe es eine massive Privatisierungsrate. Der Osten sei dabei ein Versuchsfeld und habe eine Vorreiterfunktion. Zugleich werde am Pflegepersonal gespart (in den letzten 10 Jahren von 350.000 auf 300.000 Mitarbeiter). Durch die Umstellung auf Fallpauschalen pro Patient werde die Verweildauer im Krankenhaus immer kürzer (7 Tage im Durchschnitt). Das Personal würde leiden, das Krankenhaus zur Fabrik. Durch die Privat- bzw. Vereinsstrukturen haben die Mitarbeiter 30 % weniger Gehalt als in der kommunalen Einrichtung.

1990 hatte Deutschland 50 % weniger Ärzte als heute. Dennoch herrsche in vielen Städten Ärztemangel, vor allem aber auf dem Land. Gleichzeitig steigen die Fallzahlen. Es werde inzwischen mehr gemacht, als notwendig ist. Es existiere in vielen Bereichen eine medizinische Überversorgung. Fälle, Fälle, Fälle – Die niedergelassenen Ärzte sind in Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern leistungsabhängig (z. B. 85 % der Operationen mit Bandscheibenvorfällen wären nicht notwendig).

Der demographische Wandel sei ein Ablenkungsmanöver. Es bestehe kein Zusammenhang zwischen der Altersstruktur einer Gesellschaft und deren Gesamtausgaben.

Nadja Rakowitz gab auch Lösungsvorschläge an:

  • Gesetzliche Bürgerversicherung für Alle. Logik: Gesetzliche Krankenversicherung – „Jeder zahlt, was er kann – bekommt das, was er braucht“ -> Solidarisches Prinzip. (Zurzeit sind 10 % privat versichert, 90 % im Solidarprinzip)  
  • Reform der Krankenhausfinanzierung, 
  • Rekommunalisierung der Krankenhäuser, 
  • Genaue Bedarfsplanung,
  • Aufhebung Sektorengrenzen, z. B. bei der Pflegeversicherung,
  • Präventives statt kuratives Arbeiten. 

Unterstützend würde eine große politische Kampagne, eine kollektive politische Initiative von Mitarbeitern und Patienten wirken.