Erleuchtung der Natur – Königskerze und Nachtkerze

aus VS Aktuell 3/2015, erschienen im  VS Aktuell   VS Aktuell 3/2015   Blumen- und Gartentipps 

Die wahrhaft majestätische Größe von bis zu 3 Metern wird der Königskerze (Verbascum phlomoides) den Namen gegeben haben. Wegen ihren großen filzigen Blättern wird sie oft auch „Wollblume“ genannt. Ihre gelben Blüten, kerzengerade am langen Stiel angeordnet, leuchten weithin. Der Überlieferung nach wurden früher die abgetrockneten holzigen Blütenstängel in Pech getaucht und als Fackeln verwendet. Volle Sonne, karge und trockene Böden – dort wächst sie oftmals in großer Gesellschaft ihresgleichen. Bspw. hat sie im Hochland der Insel Hiddensee, unterhalb des Dornbusches, ein ungestörtes und weitläufiges Verbreitungsgebiet.

Unzählige winzige Samen tragen zum Arterhalt bei. In der kalten Jahreszeit, auch tief im Winter, finden heimische Vögel an den der Witterung trotzenden verholzten Stängeln mit den wertvollen Samenkapseln eine wichtige Nahrungsquelle. 

Wenn im Garten eine Königskerze Boden fasst, sollte man sie nicht voreilig dem Kompost übergeben, sondern vielmehr gewähren lassen. Nach dem Aufkeimen ist sie an der filzigen Blattrosette, deren Blätter rasch an Anzahl  und Größe zulegen, erkennbar. Erst im darauffolgenden Jahr wird der Stiel erwachsen, an dem von Juni bis September nach und nach die Blüten aufgehen.

Das Umsetzen der Pflanze gestaltet sich schwierig. Rechtzeitig muss großzügig die umgebene Erdscholle ausgehoben und in ein ebenso großes Erdloch gesetzt werden. Wenn dabei durch Unachtsamkeit die Verbindung der Wurzel zum festen Erdreich genommen wird, kann sich die Pflanze kaum erholen.

Wer noch kein Exemplar im Garten hat, sollte die Samen großflächig auswerfen und einfach abwarten. Da die Pflanze ein Lichtkeimer ist, dürfen die Samen nicht mit Erde bedeckt werden. Mittlerweile sind auch andere Blütenfarben im Handel erhältlich. 

In freier Natur sind noch weitere Arten zu finden, z. B. die kleinblütige Königskerze (Verbascum thapsus) oder die großblütige Variante (Verbascum densiflorum), die beide zur Familie der Braunwurzgewächse (Scrophulariaceae) gehören.

Die naturheilkundliche Bedeutung der Königskerze ist mittlerweile durch wissenschaftliche Forschungen belegt. Kürzlich wollte ich in einer Apotheke die heilkräftigen Blüten kaufen, da ich selbst nicht zum Sammeln kam. Dort offenbarte sich, dass trotz Listung als pflanzliches Arzneimittel die Chancen schlecht stehen, an das Naturprodukt zu gelangen. Nach umfänglichen Recherchen konnte nur ein seriöser Lieferant gefunden werden. Pflanzen vom Wegesrand bringen wohl für die Pharmaindustrie nur wenig Profit. Übrigens: Beim Naturprodukt Königskerze sind im Gegensatz zu den angebotenen chemischen Alternativen keine Nebenwirkungen bekannt! Nur die feinen Pflanzenhaare, die den Blüten noch anhaften können, sind möglicherweise ungünstig für empfindliche Menschen. Daher sollte vorsichtshalber der fertig aufgesetzte Tee bspw. durch eine Filtertüte abgeseiht werden.

„Flamme gegen den Husten“ nannte der griechische Arzt der Antike Dioskcurides die Königskerze. Sie kann vor allem bei Halsschmerzen, Reizhusten und Bronchitis angewendet werden. Die Schleimstoffe der Blüten überziehen wohltuend die Schleimhäute, wirken schleimlösend und krampflösend. 

Die schnelle Variante: Eine Hand voll Blüten mit einem Liter heißem Wasser aufgießen (oder ein bis zwei Teelöffel je Tasse) und  15 Minuten ziehen lassen. Der bekömmliche und milde Tee leuchtet je nach Intensivität und Dosierung bernsteinfarben. Die Kraft der Sonne befindet sich nun sinnbildlich im Glas. Kinder dürften ebenfalls zu begeistern sein, da der Tee einen leichten Honiggeschmack innehat. Ein Nachsüßen erübrigt sich. 

Langes Köcheln auf dem Herd ist ungünstig, da dadurch wichtige Inhaltsstoffe (Schleimstoffe) zerstört werden. Man kann den Tee auch mit kaltem Wasser ansetzen, muss ihn jedoch mindestens zwei Stunden ziehen lassen und danach bei geringer Hitzezufuhr auf Trinktemperatur erwärmen.

Bei Erkältungen hat der Tee eine antibakterielle und antivirale Wirkung. Besonders zur Grippezeit kann dem Einnisten von Krankheitserregern  vorgebeugt werden. Zudem ist er leicht schweiß- und harntreibend, reinigt und pflegt von innen heraus. Auf Magen und Darm wirkt er wohltuend, schmerz­lindernd, krampf­lösend und beruhigend. Bei ­Augenproblemen kann er auf Kompressen ge­geben werden, um Rötungen und Schwellungen entzündungshemmend abklingen zu lassen. 

Die Heilkräfte des Königskerzenblütentees können bei hartnäckigen und schwerwiegenden Erkrankungen durch fachkundige Hilfe mit denen anderer Kräuter kombiniert werden. Die Anwendungsdauer sollte bei täglichem Gebrauch (ca. 3 Tassen), trotz dass keine Nebenwirkungen bekannt sind, auf maximal 3 Wochen begrenzt werden. Für den Gebrauch als Haustee oder als Beiwerk zu Teemischungen können die Blüten völlig unbedenklich verwendet werden.

Aus den Blüten lässt sich ebenfalls ein heilsames Öl herstellen, welches bspw. bei Ohrinfektionen in das betreffende Ohr geträufelt werden kann. 

Übrigens: Die großen wolligen Blätter wurden früher auch als Tabak­ersatz verwendet.

Zu Verwechslungen kann es mit der Nachtkerze (Oenothera biennis) kommen, die auch Abendblume genannt wird, da ihre Blüten sich erst bei einbrechender Dunkelheit öffnen. Das Schauspiel der Blütenentfaltung innerhalb weniger Minuten lässt sich hervorragend beobachten. Noch vor der Mittagszeit des Folgetages schließt sich die Blüte wieder, um sich noch einmal zum Abend hin zu öffnen, bevor ihre florale Schönheit vergeht. Dafür wartet die Nachtkerze über einen langen Zeitraum (Juni bis September) täglich mit neuen Blüten auf, welche sich nach und nach, kranzförmig von unten nach oben, am bis zu zwei Meter hohen Stängel entfalten. Besonders Schmetterlinge (Nachtschwärmer) besuchen die herrlich süß duftenden großen goldgelben Blüten. Am langen Stiel verbleiben längliche, vierkantige Samenkapseln, welche nach dem Reifungsprozess jeweils über 200 Samen  freigeben können. Wie bei der Königskerze sind die gereiften Samenstände ein hervorragendes Vogelfutter. Bei der Aussaat müssen die Samen jedoch mit Erde bedeckt werden (Bedecktsamer). 

Die Nachtkerze kommt aus Nordamerika und ist mittlerweile weit über die Kontinente verbreitet. Die genügsame Pflanze bevorzugt trockene Böden und vollsonnige Standorte und benötigt zur Entwicklung und zur Blüte gleichfalls zwei Jahre. Im Garten bedarf sie keiner besonderen Pflege. Im Handel sind auch niedrigwachsende Züchtungsvariationen mit weißen und rosa Blüten erhältlich. 

Die fleischigen Wurzeln sind essbar, wie schon die Indianer wussten, und können im Herbst oder im Frühjahr von Pflanzen, die noch nicht geblüht haben, ausgegraben werden. Beim Kochen laufen sie fleischrot an, wodurch sich auch der Name „Schinkenwurzel“ etablierte. Junge, zarte Blätter können als Salat oder gedünstet als Gemüse Verwendung finden. Kräuterkundige verwenden Wurzeln, Blätter, Sprossspitzen und vor allem die ölhaltigen Samen.

Die ausgereiften braunen Samen enthalten wertvolle ungesättigte Fettsäuren (Gamma-Linolensäure). Sie lassen sich von den holzigen Stielen auf ein Tuch schütteln und trocken aufbewahren. Ein bis zwei Teelöffel voll, mit einem Mörser zerstoßen, entfalten eine hervorragende Wirkung im Körper, da eine schützende und generierende Schutzschicht die Schleimhäute überzieht. Ebenso wirken frische Blüten, wenn sie zu Sirup verarbeitet oder mit  Olivenöl angesetzt werden. Einige Tropfen täglich im Mund „zergehen“ lassen, lindert die Beschwerden bei gereizten Bronchien. Die Nachtkerze wird vor allem bei Hauterkrankungen eingesetzt, da ihre Inhaltsstoffe entzündungshemmend wirken. Das Öl wird auf die Haut aufgetragen, aber auch Waschungen oder getränkte Kompressen mit vorher in heißem Wasser aufgesetzten Sprossspitzen beruhigen gereizte Haut und schmerzhafte Irritationen. Bei Magen- und Darmproblemen sowie bei Erkältungskrankheiten hilft der Sprossaufguss innerlich. Bisher noch kaum genutzt wird die Nachtkerze für die Wiederherstellung der innerlichen Ordnung und Beseitigung von andauernden Unruhezuständen. 

Wie die Königskerze ist auch die Nachtkerze ein gutes Beispiel, dass unsere Natur für viele Situationen passende Heilpflanzen bereithält und nicht immer auf chemische Produkte der Pharmaindustrie zurückgegriffen werden muss. Seien Sie also achtsam und lassen Sie sich in freier Natur von Nacht- und Königskerzen heilsam erleuchten.