Das Geheimnis in der „Drogikamr“

aus VS Aktuell 3/2017, erschienen im  VS Aktuell   VS Aktuell 3/2017 

Die Tür hat keine Nummer, dafür eine seltsame Aufschrift – „Drogikamr“. Es ist eine Doppeltür mit sicheren Schlössern. Der Mann, der den Raum betritt, schließt stets gut hinter sich wieder ab. Von nun an ist er für niemand zu sprechen. Für niemand. Er ist eben nicht im Haus. Ruhig geht er an seine Arbeit, die wie ein geheiligtes Ritual abläuft. Zuerst nimmt er von einem Haken an der Innenseite der Doppeltür einen grauen Kittel. Den zieht er über. Dann folgt ein ebenso graues Tuch. Das bindet er geschickt um den Kopf, so dass nur noch die Augen zu sehen sind. An den Wänden der „Drogenkammer“, wie man die Türaufschrift leicht übersetzen kann, stehen Kisten, Kästen und Trommeln. Mit einer Holzschaufel, dem einzigen Arbeitsinstrument, entnimmt er ihnen verschiedene Ingredienzen wie Bitterwurzel, Gewürznelken, Zimt­rinde, Apfelsinenschale, Ingwer und 15 weitere Arten von ihm bekannten Kräuterblättern, -blüten oder -wurzeln. Sorgfältig gibt er alles auf eine Waage, prüft und schüttet danach den Inhalt der Waagschale in einen Mischbehälter. Der fasst mehr als einhundert Kilo. Gründlich, mit Hand und Schaufel, wird dann die ganze Menge gemischt. Am Schluss füllt sie der noch immer vermummte Kräuterkenner in mehr als zwanzig leinene Fünf-Kilo-Beutel. Nach rund drei Stunden ist das Werk wieder einmal geschafft. Vollbracht wird es in dem weltbekannten Unternehmen „Becherovka“/Karlovy Vary abwechselnd von nur zwei Männern, dem Betriebsdirektor und seinem Stellvertreter. Kein anderer kommt in die Kammer. So wird das Geheimnis der „13. Quelle“ des Kur­ortes, wie die Einheimischen den köstlichen Trank scherzhaft nennen, bis heute gewahrt. 

Der eigentliche Schöpfer des goldgelben Labsals ist der englische Arzt Doktor Frobrig. Er war der Leibarzt des Grafen Plettenberg-Mietingen, der 1805 nach Karlovy Vary zur Kur kam und sich nebst ihm in der Pension des Apothekers Josef Becher „Zu den drei Lerchen“ an der Marktstraße einmietete. Während sich der Graf, der zur damaligen Schickeria gehörte, allen möglichen Freuden des Kuraufenthaltes widmete, unternahm Dr. Frobrig ausgedehnte Spaziergänge in der Gegend rings um die Stadt. Als leidenschaftlicher Kräutersammler und -kenner fand er in Josef Becher bald einen Gesinnungsfreund. So verbrachten die beiden auch viel Zeit gemeinsam in der Apotheke beim Experimentieren mit Kräutern, aromatischen Ölen und Alkohol. Als dann die Zeit des Abschieds kam, gab der Arzt seinem neuen Freund einen leicht zerknüllten Zettel mit der Bemerkung, dass ihm das ganz gut gefallen habe. Nachdem sich Becher dann in Ruhe die Notizen vornahm, schlug sein Herz höher. Dr. Frobrig hatte eine Mixtur aus Kräutern, Wurzeln und Alkohol aufgeschrieben, die der Apotheker als genial erkannte. Sogleich begann er in seinem Labor nach dem Rezept zu experimentieren. Immerhin dauerte es noch bis 1807, dass die Herstellung des bekömmlichen Verdauungslikörs fabrikmäßig beginnen konnte.

Das heutige Verfahren sieht nun vor, dass die Leinenbeutel mit dem geheimnisvollen Gemisch ihren Weg aus der „Drogikamr“ in silbern blitzende Stahlkessel nehmen. Reiner Alkohol wird hinzugegeben, der fünf Tage lang die begehrten Wirkstoffe aus den Naturalien zieht. Per Schlauch und Rohr gelangt dann das Urprodukt in Tanks, die sich in einem Lagerkeller befinden. Hier werden noch einmal reiner Alkohol, gut gefiltertes Trinkwasser, Zucker und geringe Mengen Weindestillate in einem exakt berechneten Verhältnis hinzugegeben. Dann wird das Ganze mit Pressluft ordentlich gemischt. Dafür ist ein Kellermeister verantwortlich. Ergeben die täglichen Laboranalysen die richtigen Werte, wird der bittersüße halbfertige Likör über gläserne Rohrschlangen von den Tanks gleich in nebenan stehende schwarzbraune Eichenfässer gepumpt. Rund drei Monate reift nun das Getränk bei einer Temperatur von zehn bis 14 Grad Celsius. Die größten Fässer haben Raum für 3.400 Liter. Ehe der Inhalt aus den Fässern in die Abfüllautomaten und die flachen grünen Flaschen gelangt, wird er noch einmal geklärt und gefiltert. 

Wer nun aber die 38-prozentige „Medizin“ nicht pur einnehmen möchte, dem sei sie als „Beton“ empfohlen, ein angenehmer Cocktail aus Becherovka und Tonic-Water.