Oh weh, zum Zahnarzt!

aus VS Aktuell 3/2017, erschienen im  VS Aktuell   VS Aktuell 3/2017 

Ich gehöre zu jenen, die sich bemühen, regelmäßig zur Zahnkontrolle zu gehen. Anfang Januar 2017 sollte der Termin vereinbart werden. Das zögerte sich aber hinaus. Hatte ich eine Ahnung?

Anfang März fiel mir eines Morgens etwas aus einer Krone ins Waschbecken. Oh, dachte ich. Ein Edelstein aus einer Krone. Es war aber nur Amalgam. Also: Auf zur Zahnärztin.

Auf dem Weg stemmte sich mir der Wind entgegen. Unangenehm. Daher drehte ich mich mit dem Rücken zum Wind. Der Gedanke, der könnte mich ja auch wieder zurückdrücken, kam mir verlockend vor. Ich habe ja keine Zahnschmerzen. Es ist aber auch nicht besonders schick, rückwärts zur Zahnärztin zu gehen. So kämpfte ich mich durch.

Das Urteil nach der Baustellenbesichtigung: „Die Wurzel muss raus. Ich kann Ihnen das leider nicht ersparen“, sagte die Zahnärztin. „Bitte keine tröstenden Worte. Was sein muss, dass muss sein.“, sagte ich tapfer.

Neuer Termin. Mein Mut hatte nur bis in die Wohnung gereicht.  Naja, ich hatte ja keine Schmerzen.

Zwischenzeitlich erhielt ich Besuch. Natürlich kam auch das bevorstehende Ereignis zur Sprache. Als der sich verabschiedete, sahen mich alle an, als würden wir uns nicht mehr wiedersehen.

Zum Termin aufgerafft und zur Zahnärztin. Ich wurde freundlich empfangen und durfte auch gleich Platz nehmen. Es war ja niemand anderes da. Wahrscheinlich hatte man für meinen Fall viel Raum und Zeit eingeplant.

„Wie fühlen Sie sich?“, fragte die Ärztin. „Das liegt zwischen freudiger Erwartung und Katastrophe“, antwortete ich. Sie wollte wissen, wieso. Ganz einfach: die Hoffnung, es kann schnell und gut gehen  - die Katastrophe, wenn es splittert und jedes Stückchen muss einzeln herausgeholt werden. Das gibt Schmerzen. Laut sagte ich: „Zähne zusammenbeißen und durch!“ „Nein, nein“, wurde mir erwidert, „den Mund weit aufmachen. Außerdem nehme ich ja die falschen Zähne heraus.“ Oh Gott, dachte ich. Damit ist mir jede Möglichkeit einer Gegenwehr genommen.

Durch fehlende Zähne und Betäubung murmelte ich. „Es nimmt seinen Lauf.“ Verstanden wurde etwas von Laufen. Nein, nicht weglaufen. „Ach, bleiben Sie ruhig sitzen. Sie werden sehen, alles ist halb so schlimm.“ Was sollte ich denn sehen? Mein Blick ging ja nach oben, gen Himmel, beziehungsweise zur Decke. Was sollte ich da sehen? Da fiel mir die Weisheit ein: Augen zu und durch. Gedacht, getan. Dann gab es Druck auf Druck. Um Himmelswillen, wo drückt sie denn die Wurzeln hin? Ich dachte, die werden gezogen.

Plötzlich hieß es: „Wir sind durch, Sie können die Augen aufmachen.“

Hatte ich vorhin laut gedacht? Mir fiel das Gewicht eines großen Felsens vom Herz. Gedankt und schnell nach Hause. Dort habe ich mich gewogen. Es gab keine Veränderungen, alles beim Alten.

Es war halt eine Episode in meinem langen Leben.