Fahrt ins Land der Vögte

aus VS Aktuell 4/2019, erschienen im  VS Aktuell 4/2019   Aus den Wohngruppen   Reisen  WG053ReiseveranstaltungTagesfahrtVogtland

Von einer Tagesfahrt mit der Reiseveranstaltung der Volkssolidarität Chemnitz berichtet Dr. Walter Kusche, Wohngruppe 053

Unsere Bus-Tour ins sächsische und ins thüringer Vogtland am 4. Juni begann pünktlich 9.00 Uhr. 30 Männer und Frauen der Wohngruppe 053 der Volkssolidarität Chemnitz waren dabei, erwartungsvoll gestimmt. Annemarie Uhle, die Leiterin der Wohngruppe, wünschte eine gute Fahrt in Richtung Brockau bei Netzschkau und dann nach Greiz. Zum Thema „Vogtland" übergab sie das Mikrofon an Brigitte Kusche. Diese, selbst gebürtige Vogtländerin, vermittelte einen Einblick in die Lage und die Geschichte jener Region, die in Bayern, Sachsen, Thüringen und Böhmen liegt. Es ist das Gebiet zwischen Erzgebirge, Fichtelgebirge im Süden, Frankenwald im Westen und reicht im Norden bis Gera und Kranichfeld (südlich von Weimar).

Wie kam es zu dem Namen Vogtland? Im 12. Jahrhundert setzte Kaiser Friedrich I. Barbarossa zur Sicherung und zum Ausbau seiner Herrschaft Heinrich von Weida als Vogt und damit als Verwalter der östlichen Reichsgebiete ein. Stammsitz der Familie, die sich die „Heinrichinger“ nannte, war die Osterburg in Weida, mitten im heutigen Landkreis Greiz in Thüringen. In ihr wird die „Wiege des Vogtlandes“ gesehen. Die Söhne Heinrichs des Reichen teilten ihren ererbten Besitz, es entstanden die Linien der Vögte von Weida, Gera und Plauen. Letztere teilten sich 1306 in eine ältere Linie und in eine jüngere Linie, die ihren Sitz in Greiz bekam. Ab 1307 übernahm Heinrich II. den Zunamen Reuß von seinem Vater. 1343 ist erstmals ein „terra advocatorum“ urkundlich genannt. Es war damit jedoch kein festumgrenztes Gebiet gemeint, sondern der Besitz der Vögte, ,,der vogte lant". Diese Bezeichnung hat sich durch die Jahrhunderte erhalten.

Etwa eine Stunde werden wir mit dem Bus unterwegs sein. Eigentlich nicht lange, zumal man bequem und nicht eingeengt sitzt und aus dem Fenster sehen kann. Das wäre in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, zu Beginn des „Postkutschenzeitalters", ganz anders gewesen. Die meisten Straßen waren schlecht oder gar nicht gepflastert, die Transportmittel ungefedert. Mehr als 20 bis 30 Kilometer am Tag waren von einer mit zwei Pferden gezogenen Kutsche kaum zu bewältigen. Eine solche Fahrt setzte, wie ein Reisender damals schrieb, vor allem „gute Leibeskonstitution und christliche Geduld“ voraus. Heute fährt man über die Autobahn 72 etwas mehr als 70 km entlang einer landschaftlich reizvoll gelegenen Strecke. Östlicherseits sind die bewaldeten Berge des Erzgebirges zu sehen; vorbei an Zwickau über die große Straßenbrücke ins sächsische Vogtland. Weiter geht es bis nach Brockau westlich des Stadtkerns von Netzschkau. Dort ist der erste Halt. Wir sind zu Gast in der Spitzenmanufaktur C. R. Wittmann GmbH & Co KG und erfahren in einem lebendigen Vortrag viel über die Herstellung der weltberühmten Plauener Spitze, die wechselvolle Geschichte dieses Betriebes. Wir sind beeindruckt von der Schönheit und den filigranen Mustern der Gardinen, Stores, Deckchen, Fensterbildern oder des weihnachtlichen Baumbehangs aus klassischer Plauener Spitze. Zu sehen ist in einer Ausstellung auch jene im Jahr 1941 für das niederländische Königshaus hergestellte runde Spitzendecke, die aus 1.250 Einzelteilen zusammengefügt wurde. Bedingt durch die Kriegsereignisse wurde sie nicht ausgeliefert und entging so der möglichen Zerstörung.

Im Vogtland wurde schon vor Jahrhunderten wertvolles Tuch durch Handstickerei aufgewertet. Erfindergeist und Können ermöglichten im Jahre 1881 erstmalig das Herstellen maschinengestickter Spitzen. Die Marke „Plauener Spitze“ ist seit 1890 weltbekannt und geschützt. Auf der Pariser Weltausstellung von 1900 wurde dafür der Grand Prix verliehen.

Während des Aufenthaltes in dem Betrieb konnten wir uns das Funktionieren einer der noch heute einsatzfähigen Großstickmaschinen der ehemaligen Plauener Firma ­VOMAG aus dem Jahre 1912 anschauen und erlebten dazu im Vergleich die Fertigung mit einer aus der Schweiz importierten 30-Meter-Großstickmaschine von 1998.

Zum Abschluss unseres Besuchs wurde der Werksverkauf des Produktsortiments gern genutzt. Ein gutes Mittagessen gab es in der Gaststätte auf dem Netzschkauer Kuhberg, mit 510 m die höchste Erhebung des nördlichen Vogtlandes. Der Busfahrer brachte uns sicher die steile, schmale Straße zur Berkuppe hinauf und wieder zurück.

Dann ging es weiter nach Greiz. Die Stadt im Tal der Weißen Elster hat als Residenzstadt eine wechselvolle Geschichte, besonders geprägt von der älteren und der jüngeren Linie des Hauses Reuß. 1564 erfolgte eine Teilung der Stadt in Ober- und Untergreiz. Zusätzlich zu dem Oberen Schloss wurde für die jüngere Linie ein Renaissancebau im Zentrum der Stadt errichtet, das Untere Schloss. 1768 starb dieser Familienzweig aus. Die Herrschaft Reuß ältere Linie wurde 1778 in den erblichen Reichsfürstenstand erhoben. Ihr Fürstentum mit Greiz als Landeshauptstadt bestand bis 1918 als souveräner Bundesstaat des Deutschen Kaiserreiches. Seit 1920 gehört die Stadt zum Land Thüringen, seit 1994 ist Greiz freie Kreisstadt im gleichnamigen Landkreis.

Unser Ausflugsziel war das ab 1769 errichtete Sommerpalais mit barockem Lustgarten am Südrand des Fürstlich Greizer Parks. Da eine direkte Zufahrt wegen der Bauarbeiten in der Stadt ausgeschlossen war, stiegen wir in der Nähe des Parks aus und gingen zu Fuß. So kamen wir schneller als gedacht zu einer, wenn auch kurzen Besichtigung. Prachtvoll gestaltete Blumenanlagen beeindruckten ebenso wie blühende Rhododendronsträucher und hohe, alte Bäume. Ein seltener Tulpenbaum in der Nähe des Palais zeigte sich voller becherförmiger Blüten.

In der verbliebenen Zeit bis zu einem Kaffeetrinken auf der Außenanlage des Cafés im so genannten Küchenhaus konnte jeder wählen, ob er weiter durch den Park gehen wollte oder sich zu einem Rundgang im Sommerpalais entschloss. Einige wählten gleich einen im Schatten gelegenen Sitzplatz aus, um sich umgeben von Grün auszuruhen und die Fassade des Palais zu betrachten.

Beeindruckend auch der Gang ins Innere des Gebäudes. Nach umfangreichen Restaurationsarbeiten, gut dokumentiert, ist in den Räumen des Erdgeschosses etwas von jener fürstlichen Pracht zu sehen und zu ahnen, die hier einst herrschte. Handwerker verschiedenster Gewerke des Vogtlandes, Restaurateure, Bauleute, einheimische Textilwerkstätten und nicht zuletzt eine interessierte Öffentlichkeit haben ein Stück Kulturgeschichte erhalten. Im Palais finden Konzerte statt, in der Adventszeit kann ein besonderer Weihnachtsmarkt besucht werden. Alles Anregungen, einmal wieder nach Greiz zu kommen.

Voller Eindrücke geht es auf die Heimfahrt, verbunden mit einem Halt an der Göltzschtalbrücke, dem größten Ziegelsteinviadukt der Welt für die Eisenbahn. Mit ihrer Länge von 574 Metern und 98 Bögen gilt die Göltzschtalbrücke als Wahrzeichen des Vogtlandes. Baubeginn war der 31. Mai 1846. Bereits fünf Jahre später, 1851, war sie fertiggestellt. Zwischen den Orten Reichenbach und Netzschkau überspannt die Brücke zweigleisig das Tal der Göltzsch auf der Bahnstrecke Leipzig­–Hof. Von der Aussichtsplattform aus Ziegelsteinen hat der heutige Besucher eine gute Sicht auf jenes Bauwerk, das für den Welterbestatus im Gespräch ist. Wenn ein planmäßig verkehrender Zug über die Gleise rollt, dauert es nicht einmal Minuten, bis er den Blicken entschwindet: Auf der Fahrt durch das Vogtland.