Die Volkssolidarität in Chemnitz

aus VS Aktuell 3/2020, erschienen im  VS Aktuell 3/2020   Aus der Stadtgeschichte  75/30

Teil 1: 1945 - 1949

Wie in vielen anderen Städten Deutschlands war auch in Chemnitz die Not nach dem Krieg groß. Durch Luftangriffe der Alliierten im März und April 1945 waren nicht nur zahlreiche Fabriken und öffentliche Gebäude, sondern auch etwa ein Viertel aller Wohnungen zerstört.

Am 17. Oktober 1945 erschien in Sachsen der Aufruf „Volkssolidarität gegen Wintersnot“, der gemeinsam von den antifaschistisch-demokratischen Parteien KPD, SPD, CDU und LDPD, den Landeskirchen sowie dem Landesausschuss des FDGB verfasst wurde. Dieser Tag gilt als Gründungstag der Volkssolidarität. Am 22. Oktober 1945 rief die Landesverwaltung Sachsen dazu auf, diese Aktion zu unterstützen.

Dem Aufruf folgend bildete sich im November 1945 in Chemnitz ein Sekretariat der Volkssolidarität mit zwei Vorsitzenden und einem Geschäftsführer. Für die Ressorts Sachspenden, Ernährung, Jugend und Kinder, Transportwesen, Industrie und Handwerk sowie Agitation und Propaganda wurden Arbeitsgruppen gebildet. Verantwortlich für die Umsetzung und Durchführung der Aufgaben waren die in den Stadtteilen gegründeten Volkssolidaritätsausschüsse. Im Kaufhaus „Merkur“ (ehemals Kaufhaus „Schocken“, heute Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz) richtete die Volkssolidarität ihre ersten Büros ein. Am 2. Dezember 1945 wurde hier das Haus der Volkssolidarität eröffnet.

Die Mittel zur Unterstützung hilfsbedürftiger ­Bevölkerungsteile kam aus vielfältigen Quellen. So spendeten bspw. die Chemnitzer Polizisten 25 Prozent ihres Oktobergehaltes, die SPD-Parteigruppe 900 Mark und die Brauerei Einsiedel 1.423 Mark. Aus dem Rechenschaftsbericht für die Zeit vom 8. November bis 31. Dezember 1945 geht hervor, dass neben Bargeldspenden in Höhe von insgesamt 1 Mio. RM zahlreiche Sachspenden wie Briketts, Ersatzbrennstoffe, Baumaterialien und Lebensmittel eingegangen sind. Aus dem Kreis Flöha trafen auf dem Marktplatz 12 Lastwagen-Ladungen mit Haushaltsgeräten, Möbeln und Kleidung zur Verteilung an Bedürftige ein, aus dem Kreis Döbeln kamen u. a. 200.000 kg Kartoffeln. Das Schlosser- und Malerhandwerk der Region setzte 120 Herde instand und  brachte 250 Wohnungen in Ordnung.

Im Dezember 1945 fand eine „Woche der Volkssolidarität“ statt. Bei einer Großkundgebung auf dem Theaterplatz sprach Hermann Matern, der für die KPD den Aufruf „Volkssolidarität gegen Wintersnot“ unterzeichnet hatte. Im Anschluss erfolgte auf dem Marktplatz eine Spendenaktion.

Das Wirken der Volkssolidarität gegen die Nöte der Zeit machte den Menschen vielerorts wieder Mut zum Leben und löste in der Bevölkerung eine Aufbruchsstimmung aus.  Nun sollten die ersten Weihnachten in Frieden gefeiert werden, die vor allem für die Kinder ein frohes Fest werden sollten. In Chemnitz fanden allein am 23. Dezember 1945 zwanzig Weihnachtsfeiern statt, die von der Volkssolidarität im engen Zusammenwirken mit Betrieben und Einrichtungen organisiert wurden.

In den Anfangsjahren stellte die Volkssolidarität die Kinderhilfe in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Als eine der vorrangigsten Aufgaben galt es, tausenden elternlos gewordenen Kindern ein neues Zuhause zu schaffen. So entstanden 1946 in Chemnitz fünf neue Kinderheime, die von der Volkssolidarität betreut wurden. Um die Kinder weg von den Trümmern der zerstörten Städte zu holen, startete die Volkssolidarität die Aktion „Kinderlandverschickung“. Bei mehrwöchigen Aufenthalten auf dem Land konnten sich 630 Chemnitzer Kinder von Krieg und Elend erholen. Die Volkssolidarität richtete außerdem 35 Kindergärten in der Stadt ein, half bei der Vermittlung von Pflegeeltern, der Rückführung von während des Krieges evakuierten Kindern und bei der Suche nach Angehörigen. Im Januar 1946 wurde eine Großküche eröffnet und mit der Kinder- sowie Altenspeisung begonnen werden. Im Juni desselben Jahres wurde das Schullandheim „Neue drei Brüder“ eröffnet (Vgl. Aufstellung über Heime der Stadt Chemnitz vom 26.10.1946).

Es folgte der überaus kalte Winter 1946/47. Durch die Unterstützung von Bergarbeitern, die Anteile ihrer Deputatkohle abgaben, konnte die Volkssolidarität in Chemnitz 34 Wärmestuben einrichten, in denen sich von der Kälte betroffenen Menschen aufhalten konnten und betreut wurden.
Am 15. Januar 1947 wurde im „Haus der Volkssolidarität“ eine Tauschzentrale eingerichtet, in der wichtige Gegenstände eingetauscht werden konnten. Damit wurde auch ein Beitrag zur Bekämpfung des Schwarzhandels geleistet. Bis Oktober 1948 wurden etwa 350.000 Kunden bedient. Im Herbst 1949 konnte die Tauschzentrale wieder geschlossen werden. Die sich ausbreitende Handelsorganisation (HO) und neu eröffnete Geschäfte übernahmen nun die Versorgung der Bevölkerung.

Gemeinsam mit der Inneren Mission und der Caritas wurde in Chemnitz ein Bahnhofsdienst eingerichtet. Betreut wurden sowohl Heimkehrer, Kinder, Einzelreisende, Alte und körperlich behinderte Menschen. Neben Erste-Hilfe-Maßnahmen wurden Suppen und Getränke sowie Übernachtungsmöglichkeiten bereitgestellt. Im Sommer 1948 ist der Bahnhofsdienst an die soziale Verwaltung der Stadt Chemnitz übergegangen.

Nach dem Vorbild der Stadt Chemnitz wurden in vielen Regionen freiwillige Arbeitseinsätze organisiert, um bei der Trümmerbeseitigung sowie dem Neuaufbau zu helfen. Die Solidaritätskolonne bestand aus zahlreichen freiwilligen Helfern. Ziel war es, den Wiederaufbau und die Linderung der Not in der Bevölkerung voranzutreiben. Bereits 1946 organisierten sich erste Kolonnen von Bauarbeitern aus der Stadt. In freiwilligen Landeinsätzen halfen sie bei der Frühjahrsbestellung der Felder und beteiligten sich bei der Instandsetzung reparaturbedürftiger Geräte und Maschinen. 1947 rückte die Kolonne aus, um in Alt Tucheband im Oderbruch Hochwasseropfern zu helfen. 1948 wurde ein Wohnhaus in Einsiedel errichtet. Schließlich half die Chemnitzer Solidaritätskolonne noch bei dem Bau eines Neubauernhofes in Ebersdorf.

Damit der Gedanke der Volkssolidarität in der Öffentlichkeit verbreitet und besondere Solidaritätsaktionen bekannt gegeben werden konnten, ist in den Anfangsjahren eine umfassende Werbung notwendig gewesen. Bereits 1946 wurden auf der Arbeitstagung in Leipzig dafür Beschlüsse vorgelegt. Als Werbeträger wurden unter anderem Plakate, Transparente, Postkarten, Handzettel, Broschüren, Diapositive, Werbestreifen und Veranstaltungen eingesetzt. Zusätzlich wurde die Publikation eines monatlichen Mitteilungsblattes der Volkssolidarität beschlossen. (Vgl. Manuskript Arbeitstagung der Volkssolidarität 1.-3. Oktober 1946. Beschlüsse der Kommission, S.7f.) Dieses wurde im Februar 1948 erstmals durch den Kreisausschuss Chemnitz herausgegeben. In einer Grußadresse des Oberbürgermeisters Müller heißt es: „Der Initiative der Volkssolidarität im Kreis Chemnitz ist es zu verdanken, dass größte Not unserer Bevölkerung merklich gelindert werden konnte. Die Volkssolidarität hat  bewiesen, dass sie nicht nur eine Spenden verteilende Organisation ist, sondern dass sie durch ihre wohltuende Tätigkeit zu einer Bewegung wurde, die den solidarischen Gedanken der gegenseitigen Hilfe stark im Volke verwurzelt hat. Ich begrüße es deshalb, wenn der Kreisausschuss Chemnitz der Volkssolidarität mit dieser Zeitung an die Öffentlichkeit tritt, um die Idee der alles verbindenden Volkssolidarität weiter im Volke zu verankern und allen Helfern und Mitgliedern für ihre Tätigkeit die nötige Anleitung zu geben“.