30 Jahre Sozialstationen

Seit nunmehr über 30 Jahren bieten die Sozialstationen der Volkssolidarität Chemnitz ein umfangreiches Angebot an sozialen Dienstleistungen an. VS Aktuell sprach mit Marina Müller, die anfangs als Einsatzleiterin für Hauswirtschaftspflege, seit 2003 als Leiterin der Sozialstation Scheffelstraße sowie seit vielen Jahren als Bereichsleiterin Ambulante Pflege und Betreuung die Entwicklung der Einrichtungen eng begleitet.

Gleich drei Sozialstationen der Volkssolidarität nahmen 1991 in Chemnitz ihren Betrieb auf. Welchen Beweggrund hatte der wenige Wochen zuvor als gemeinnütziger Verein neu gegründete Stadtverband der Volkssolidarität dafür?

Die Versorgung älterer Menschen mit einem warmen Mittagessen und die Hauswirtschaftsdienste sind bereits zwei wichtige Angebote der Volkssolidarität in der DDR gewesen. 1985 kam ich zur Volkssolidarität und koordinierte als Brigadierin für Hauswirtschaft nicht nur die entsprechenden Leistungen sowie die Auslieferung des Essens, sondern sammelte auch die Essensgelder und unterstützte die Kollegen beim Austragen des Essens. Mehrmals in der Woche sind die Brigadiere in die Stadtteile ausgeströmt. Sie haben die älteren Menschen besucht, mit ihnen gesprochen und dabei auch den Bedarf bspw. für die Reinigung der Wohnung oder der Versorgung mit Mahlzeiten erhoben. Pflegerische Maßnahmen wurden damals, wenn überhaupt, noch von den Gemeindeschwestern durchgeführt, die an Arztpraxen gekoppelt waren. 

Sehr rasant, in nur wenigen Wochen, haben sich mit der Wende die Rahmenbedingungen für die Volkssolidarität mitsamt ihrer Angebote verändert. Die Zeit des Umbruchs war für unseren Verband zwar existenzbedrohend, dennoch stand eines immer fest: Die Volkssolidarität hat ihr großes Herz für Senioren bewahrt. Angebote wie die Hauswirtschaftsdienste und die Versorgung mit Mahlzeiten mussten einfach aufrechterhalten werden. Im Wohlfahrtssystem der Bundesrepublik Deutschland sind diese gewöhnlich an Sozialstationen oder ambulante Pflegedienste angesiedelt. So wurden die Hauswirtschaftsdienste und die Essensversorgung von den neu eröffneten Sozialstationen der Volkssolidarität in der Lerchenstraße, der Horst-Menzel-Straße und der Scheffelstraße angeboten. Ergänzt wurden sie nun von der ambulanten Pflege, einer wichtigen Leistung für pflegebedürftige Senioren, die noch Zuhause wohnen können und möchten.

Wie gestaltete sich der Anfang?

Überaus turbulent. Wir improvisierten viel und nahmen das, was da war. Ordentliche Arbeitsmittel mussten wir uns erst noch verdienen. 

In der Sozialstation Scheffelstraße konnte ich meine Tätigkeit, die Koordination für Hauswirtschaft und Mittagessen, fortsetzen. Wir hatten damals bis zu acht Zivildienstleistende und zehn bis zwölf Hauswirtschafterinnen, die täglich bis zu sechs Stunden gearbeitet haben. Einige haben wir auch aus DDR-Zeiten übernehmen können, andere stießen über sogenannte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu uns, von denen viele blieben.

Schwierig war vor allem, dass die Hauswirtschaft und die Essensversorgung von den Senioren nun im überwiegenden Fall überwiegend selbst bezahlt werden mussten, Zuschüsse wie vor 1990 gab es nicht mehr. Das mussten wir den Menschen erst einmal erklären. Wir zogen los, ermittelten Bedarfe und schlossen Verträge für Hauswirtschaftsleistungen ab. Wir kassierten Essengeld, schrieben Rechnungen und informierten Ärzte über unser Angebot. 

Das heutige „Essen auf Rädern“ hatte damals noch Füße. Von unseren Kunden bekamen wir Töpfe und Schüsseln, die wir zu Fuß zu den Essenstützpunkten trugen, dort auffüllen ließen und zurückbrachten. Täglich wurden 140 Mittagessen in verschließbaren Thermosbehältern getragen, welche wir anfangs bei einer Cateringfirma auf der Helbersdorfer Str. abholten. Später kochte das Burghotel in Rabenstein für uns. Nach und nach wurden die Essensausgaben in den umliegenden altersgerechten Wohnblöcken geschlossen, wir mussten uns daher Fahrzeuge anschaffen. Heute vermitteln wir das „Essen auf Rädern“ an unsere Zentralküche. Dort wird das Essen in modernen Schalen hygienisch einwandfrei portioniert, in Thermobehältern mit Autos ausgefahren und in die Wohnungen geliefert.

Ebenfalls zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln waren unsere Krankenschwestern in der Stadt unterwegs, um pflegebedürftige Menschen zu versorgen. So kurz nach der Wende hatten diese zumeist noch keinen Führerschein, da man auf diesen in der DDR wie auch auf viele anderen Dinge sehr lange warten musste. So wurden die Schwestern im ersten Dienstfahrzeug der Scheffelstraße, einem gebrauchten grünen Mazda, von einem jungen Zivildienstleistenden zu den Patienten chauffiert. 

Doch wir mussten erst einmal pflegebedürftige Menschen finden. Mithilfe von Ärzten, welche uns Pflegefälle mitteilten, sowie eigenen Bedarfsermittlungen hatten wir bald unseren ersten Patienten. Es war gar nicht so einfach, weitere zu finden. Wir mussten uns überall durchfragen. Ärzte mussten plötzlich Verordnungen für die Leistungen schreiben und Patienten Pflegeanträge stellen sowie verschiedene Leistungen selbst bezahlen. Unsere Patientenzahl stieg dennoch stetig an, insbesondere nach der Einführung der Pflegeversicherung.

Die eingangs erwähnten Sozialstationen in der Lerchenstraße und der Horst-Menzel-Straße gibt es nicht mehr. Was ist mit diesen geschehen?

Sie mussten umziehen, weil sie sonst aus allen Nähten geplatzt wären. 

Das Team der Sozialstation Lerchenstraße bestand bspw. anfangs aus zwei Krankenschwestern und sechs Hauswirtschaftspflegerinnen und betreute vier Patienten. Die Mitarbeiterinnen knüpften Kontakte mit Fürsorgern, Krankenkassen sowie Ärzten und die Patientenzahlen und die Hauswirtschaftspflege nahmen bedeutend an Umfang zu, was zur Einstellung von weiterem Personal führte. Aus Platzmangel zog die Sozialstation in neue Räume auf dem Theodor-Körner-Platz 7 und 1993 in die Augustusburgerstraße 101. Als 1997 die erste Anlage für Betreutes Wohnen auf der Clausstraße eröffnete, wurden dort für die Sozialstation geeignete Räume eingerichtet. Sie ist bis heute dort zu finden.

Der Umzug der Sozialstation Horst-Menzel-Straße hatte noch einen anderen Hintergrund. Zusammen mit der Geschäftsstelle und einer Begegnungsstätte ist diese in einem Gebäude untergebracht gewesen, welches ursprünglich der Heilsarmee gehörte. Nach einigen Jahren des Nebeneinanders benötigte diese das gesamte Objekt und die Einrichtungen der Volkssolidarität mussten umziehen. Die Geschäftsstelle zog in die neu eröffnete Wohnanlage Clausstraße 25-33, Begegnungsstätte und Sozialstation 1998 in die nah gelegene neue Wohnanlage Limbacher Straße 69-71. Dort blieb sie viele Jahre, bis sie 2019 mit der Sozialstation Scheffelstraße fusionierte.

1998 ist übrigens noch eine Sozialstation der Volkssolidarität Chemnitz mit der Eröffnung der Wohnanlage in Mittweida dazu gekommen. Heute nennt sich das gesamte Areal, auf dem noch ein Seniorenpflegeheim und eine Begegnungsstätte zu finden sind, Soziales Zentrum »Zwirnereigrund«. 

Was hat sich in den letzten 30 Jahren verändert?

Sehr viel ist anders geworden. Suchten wir vor 30 Jahren noch nach Patienten, können wir heute oft dem Bedarf gar nicht gerecht werden. Der Mangel an Pflegefachkräften geht auch an der Volkssolidarität nicht spurlos vorbei. Wir haben uns darauf angepasst, setzen verstärkt auf die Betreuung und Begleitung.

Die Arbeitsbedingungen haben sich besonders rasant verändert: Gingen wir anfangs noch zu Fuß oder fuhren mit dem Fahrrad, bewältigen wir heute viele Touren mit gut ausgestatteten und sicheren Autos. Trugen wir in den 90ern noch Kittel, tragen wir heute eine moderne Dienstkleidung. Schrieben wir damals die Dokumentation, Briefe, Notizen und Rechnungen mit der Hand oder mit der Schreibmaschine, hatten wir schon bald einen Rechner dafür. Die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Wir stellen uns gerade der Herausforderung, die Dokumentation zu digitalisieren, und das von der Eingabe an. Unseren Mitarbeitern wird dies eine Erleichterung sein, da sie bereits vor Ort die getätigten Aufgaben zumeist einfach bestätigen können und sich so viel Zeit durch das Eintippen im Nachgang sparen. Ein wenig mehr Zeit, die auch für den Patienten bleibt.

Stetig verändert haben sich auch die Berufsbilder in der Pflege und Betreuung. Durch Fort- und Weiterbildungen halten sich unsere Kollegen auf einen aktuellen Stand, lernen bspw. neue Standards der Pflege kennen und spezialisieren sich. Neue Leistungen aufgrund der Pflegeentwicklungsgesetze und die damit zusammenhängenden Finanzierungsmöglichkeiten über die Pflegekasse ermöglichen es uns sogar, neue Angebote in der Tagesbetreuung oder auch neue Berufsbilder wie den Alltagsbegleiter bei uns anzusiedeln.

Was können wir unter der Tagesbetreuung verstehen?

Die Tagesbetreuung bieten wir als Einzelbetreuung daheim oder als Gruppenbetreuung bspw. hier im wunderschönen Garten oder in den großen Räumen unserer Sozialstation Scheffelstraße an. Was gemacht wird, können die Betreuten meist selbst bestimmen.  Wir führen mit ihnen bspw. Gedächtnistraining durch, treiben Sport oder trainieren das Gehen und Treppensteigen, um Unfällen vorzubeugen. Viele Übungen dienen dem Erhalt der Fähigkeiten und Fertigkeiten. Wichtig ist vor allem, dass sie den Tag gemeinsam verleben und Spaß daran haben. Bei gemeinsamen Ausflügen können die Gäste unserer Tagesbetreuung zudem einmal etwas anderes erleben, auch im Urlaub sind sie schon gemeinsam gewesen. Die Angehörigen profitieren dabei von ein paar Stunden Zeit, die sie für sich selbst haben und nicht für die oft schwere Betreuung opfern müssen. Obwohl wir uns auf die Betreuung von an Demenz erkrankten Menschen spezialisiert haben, freuen wir uns auch über Gäste, die einfach nur Gemeinschaft suchen. Diese finden sich bspw. zu unseren regelmäßigen Stammtischrunden  und auch zu Geburtstagsfeiern und kleinen Ausflügen zusammen.

Und was ist ein Alltagsbegleiter?

Wie die Bezeichnung schon sagt: Patienten im Alltag begleiten. Was wie lange gemacht wird, ist sehr unterschiedlich und hängt von den Wünschen und Bedarfen der jeweiligen Betreuten ab. Gemeinsam spazieren oder einkaufen gehen sind ebenso möglich wie Hilfe im Haushalt, beim Zubereiten von Essen oder bei der Körperpflege. Der wichtige Unterschied zur reinen Hauswirtschaftspflege ist, dass die Arbeit den Betreuten nicht abgenommen wird, sondern sie dabei unterstützt werden.

Welche Bedeutung haben aus Ihrer Sicht die Sozialstationen für die Volkssolidarität?

Die Sozialstationen können mit ihren Angeboten wesentlich dazu beitragen, dass ältere Menschen so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben können. Dazu beraten wir auch zu anderen Angebote der Volkssolidarität wie bspw. dem Hausnotruf, der Tagespflege, das Betreute Wohnen und die Mahlzeitenversorgung und vermitteln diese. Dadurch können wir als Volkssolidarität in Chemnitz viele Leistungen aus einer Hand anbieten. Die Sozialstationen sind für unseren Verband eine stabile und nicht mehr wegzudenkende Größe. 

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