Die Volkssolidarität in Chemnitz

Teil 3c: 1989 - 2020

Sozialer Dienstleister 

In den 70er- und 80er-Jahren hatte sich die Volkssolidarität nicht nur auf die kulturelle Betreuung älterer Menschen spezialisiert, sondern unterstützte auch deren selbstständiges Wohnen bei Bedarf mit hauswirtschaftlichen Leistungen und versorgte sie auf Wunsch mit einem warmen Mittagessen. Mit dem Zusammenbruch der DDR und ihrem Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland änderten sich die Rahmenbedingungen für diese sozialen Dienstleistungen in wenigen Monaten erheblich. Zum einen waren diese im Wohlfahrtssystem der BRD gewöhnlich an Sozialstationen oder ambulanten Pflegediensten angesiedelt. Zum anderen war die Volkssolidarität nicht mehr der alleinige Anbieter, sondern einer unter vielen.

 

Die Tradition der kulturellen Betreuung wurde mit Unterstützung der Kommune in Chemnitz fortgeführt. Das Netz der früheren Klubs der Volkssolidarität konnte zunächst sogar ausgebaut werden. Anfangs als Begegnungsstätten und später als Stadtteiltreffs bieten die Einrichtungen vielfältige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, wie sportliche Aktivitäten, Spielnachmittage, kreative und handwerkliche Zirkel, Tanzveranstaltungen, Kurse usw. an. Die Veranstaltungen vermitteln Gemeinschaftssinn, Zusammengehörigkeitsgefühl und Hilfe zur Selbsthilfe. Sie sind auch wichtige Basis für das ehrenamtliche Wirken der Mitglieder der Volkssolidarität Chemnitz, bieten sie doch Raum für die Treffen und die Veranstaltungen der Mitgliedergruppen.

Nicht selbstverständlich war und ist, dass die Stadt Chemnitz Einrichtungen dieser Art fördert. Diese sind ohne finanzielle Zuwendungen nicht kostendeckend zu betreiben, da sie teils von vielen Senioren besucht werden, die nur über eine recht geringe Rente verfügen. Das liegt oft in den sogenannten Erwerbsbiografien begründet. Der Wegfall vieler Arbeitsplätze nach der Wende führte für viele Menschen zu mehreren Jahren der Arbeitslosigkeit und damit zu einem geringeren Rentenanspruch als erwartet. Die fehlende Anerkennung verschiedener Ausbildungen und Qualifikationen bei der Berechnung der Renten trägt ebenso dazu bei. Gerade um den davon betroffenen Senioren den Zugang zu kulturellen und sozialen Einrichtungen weiterhin zu gewähren, ist die Förderung der Einrichtungen seitens der Kommune entscheidend für deren Bestand. Fallen Förderungen weg oder kann der Verein den teils nicht unerheblichen Eigenanteil nicht aufbringen, führt das entweder zur Reduzierung der Angebote oder sogar wie schon mehrmals geschehen zur Schließung.

 

Die Hauswirtschaftsdienste und die Essensversorgung wurden ab 1991 von den neu eröffneten Sozialstationen der Volkssolidarität in der Lerchenstraße, der Horst-Menzel-Straße und der Scheffelstraße angeboten.

 

Das „Essen auf Rädern“ hatte kurz nach der Wende noch Füße und wurde von einem Dienstleister gekocht. Von ihren Kunden bekamen die Mitarbeiter der Volkssolidarität Töpfe und Schüsseln, die sie zu den Essensstützpunkten trugen, dort auffüllen ließen und zurückbrachten. Das waren täglich etwa 140 Mittagessen. Da die Essensausgaben in den altersgerechten Wohnblöcken nach und nach schlossen, musste nun das „Essen auf Rädern“ ebenso wie die ambulante Pflege motorisiert werden. Zu den ersten Fahrzeugen des heutigen Fuhrparks der Volkssolidarität Chemnitz mit modernen, komfortablen und sicheren Autos zählten ein gebrauchter grüner Mazda, ein roter Wartburg und ein Trabant, der jedoch gestohlen wurde und ausgebrannt von der Polizei im Stadtpark gefunden wurde.

Ab 1992 konnten die Essenteilnehmer zusätzlich aus 100 Tiefkühlmenüs auswählen. Einmal in der Woche wurden diese nach Hause geliefert. Ein elektrisches Aufwärmgerät sowie eine Kühlbox standen gegen eine geringe Leihgebühr zur Verfügung. 1994 wurde die erste Küche des Stadtverbandes im neu eröffneten Klub auf der Semmelweißsstraße eingeweiht. Fünf Jahre später nahm die Zentralküche in der Zwickauer Straße 247a ihren Betrieb auf. Von dort aus beliefert sie nicht nur die Kunden des „Essens auf Rädern“, sondern auch die Begegnungsstätten und Stadtteiltreffs, die Kindertagesstätten und die Seniorenpflegeheime des Stadtverbandes und seiner Tochterunternehmen. 

Seit Mitte der 2010er-Jahre wird in der Zentralküche das sogenannte „Cook and Chill“ (dt. „Kochen und Kühlen“) eingesetzt. Dabei werden die Gerichte zunächst wie gewohnt gekocht, dann jedoch rasch abgekühlt. Dadurch sind sie bis zu vier Tage ohne Qualitätsverluste im Kühlhaus lagerbar. Krankheitserreger haben dadurch kaum noch eine Chance, sich zu entwickeln. Mit einer sehr hohen Lebensmittelsicherheit wird so ein wohlschmeckendes Mittagessen für gesundheitlich sensible Zielgruppen gekocht, welches vor Ort mit einem speziellen Dampfgarer ohne Verlust von Vitaminen und Mineralstoffen schonend regeneriert und dann serviert wird.

2017 erhielt die Zentralküche eine EU-Zulassung. Voraussetzung dafür ist die Einhaltung hoher hygienischer Standards und die Nachverfolgbarkeit von Produkten gewesen.

 

Neben den Hauswirtschaftsdiensten und dem „Essen auf Rädern“ ist die ambulante Pflege und Betreuung das wichtigste Angebot der 1991 neu eröffneten Sozialstationen. Dass die Volkssolidarität die entsprechenden Leistungen nun anbietet, musste jedoch erst einmal bekannt werden. So knüpften die Einrichtungen Kontakte mit Fürsorgern, Krankenkassen sowie Ärzten. Anfangs bestand bspw. das Team der Sozialstation in der Lerchenstraße aus zwei Krankenschwestern und sechs Hauswirtschaftspflegerinnen und betreute vier Patienten. Die Hauswirtschaftspflege nahm schnell an Umfang zu, was zur Einstellung von weiteren Mitarbeitern führte. Aus Platzmangel zog die Sozialstation in neue Räume auf dem Theodor-Körner-Platz 7 und bildete mit der dort ebenfalls ansässigen Begegnungsstätte eine Einheit. Die Einführung der Pflegeversicherung ließ die Patientenzahl weiter ansteigen, sodass 1993 erneut ein Umzug in die Augustusburgerstraße 101 erfolgte. Als 1997 die erste Anlage für Betreutes Wohnen auf der Clausstraße eröffnet wurde, fand auch die Sozialstation in deren Räumlichkeiten ihr neues Zuhause und ist bis heute dort zu finden.

Nicht nur aufgrund eines ständig wachsenden Mitarbeiterteams musste die Sozialstation Horst-Menzel-Straße im Jahr 1998 umziehen. Zusammen mit der Geschäftsstelle und einer Begegnungsstätte ist diese in einem Gebäude untergebracht gewesen, welches ursprünglich der Heilsarmee gehörte. Nach einigen Jahren des Nebeneinanders benötigte diese das gesamte Objekt und die Einrichtungen der Volkssolidarität mussten ausziehen. Die Geschäftsstelle zog in die neu eröffnete Wohnanlage Clausstraße 25-33, Begegnungsstätte und Sozialstation 1998 in die nah gelegene neue Wohnanlage Limbacher Straße 69-71. Dort blieb sie viele Jahre, bis sie 2019 mit der Sozialstation Scheffelstraße fusionierte.

Beginnend 2004 mit der Einrichtung in der Scheffelstraße haben sich die Sozialstationen auf die Betreuung für an Demenz erkrankte Menschen spezialisiert und bieten diese als Einzelbetreuung und auch als Gruppenbetreuung an. 

 

Mit der Gründung des Tochterunternehmens VHN GmbH wurde 1997 der Grundstein für eine weitere wichtige Leistung der Volkssolidarität gelegt: Der Hausnotruf bietet Sicherheit in der eigenen Wohnung. Mit einem Handsender, nicht größer als eine Armbanduhr, können per Knopfdruck Notrufe aus der ganzen Wohnung  an eine rund um die Uhr besetzte Notrufzentrale gesendet werden. Die individuell vereinbarten Maßnahmen können sofort veranlasst werden. Das Angebot wurde mittlerweile bspw. durch Rauchmelder, die mit der Notrufzentrale verbunden sind, oder Seniorenhandys erweitert. 

Der Hausnotruf sollte im selben Jahr eine wichtige Komponente im Betreuungsvertrag der Mieter werden, die in die neu eröffneten Wohnanlagen für Betreutes Wohnen einzogen. In den 90er-Jahren gewann der Wunsch vieler Menschen, bis ins hohe Alter hinein in der eigenen Wohnung leben zu können, immer mehr an Bedeutung. Wohnformen wie das Betreute Wohnen wurden entwickelt, die auf die Bedürfnisse von älteren Menschen zurechtgeschnitten sind. Der Bedarf in Chemnitz war hoch, geeignete barrierefreie Wohnhäuser gab es jedoch kaum. So hatten die Plattenbauten der 70er und 80er zwar oft einen Fahrstuhl, bis zu diesem musste jedoch häufig eine Treppe bewältigt werden. So eröffnete die Volkssolidarität Chemnitz beginnend mit dem Jahr 1997 mehrere barrierefrei und barrierearm gestaltete Wohnanlagen für Betreutes Wohnen.  

Als erste Einrichtung in Chemnitz erhielt im Jahr 1998 die Wohnanlage in der Clausstraße das Qualitätssiegel der Stadt verliehen. Das Siegel wurde ins Leben gerufen, da es damals deutschlandweit keine definierten gesetzlichen Bestimmungen für die Verwendung des Titels „Betreutes Wohnen“ gab.

Damit die Nachfragen optimal bearbeitet werden können, wurde im Juli 2002 eine Wohnberatungsstelle, jetzt die „Beratungsstelle für Betreutes Wohnen und Vermietung“, auf der Clausstraße 33 eröffnet, die über die Vorteile des Betreuten Wohnens informiert und die Vermietung vornimmt.
Durch die auslaufenden Generalmietverträge, welche die Volkssolidarität Chemnitz für die Wohnanlagen abgeschlossen hatte, und durch eine vor allem in Chemnitz so nicht abzusehende Entwicklung des Wohnungsmarktes werden seit Ende der 2010er-Jahre nur noch einige der Wohnanlagen von der Volkssolidarität Chemnitz direkt vermietet. War die Volkssolidarität damals noch in Chemnitz Pionier auf diesem Gebiet, gibt es heute viele Mitbewerber, u. a. mit anderen Bezeichnungen und unterschiedlichen Leistungen. Vor allem Chemnitz ist eine Stadt mit einem hohen Wohnungsleerstand, bei dem die Vermieter viel Kraft darin legen müssen, ihre langjährigen Mieter ggf. durch Umbauten und Serviceleistungen zu erhalten.

 

Eine weitere Wohnform für ältere Menschen kam bereits im Mai 1994 hinzu. Der Stadtverband übernahm das Alten- und Pflegeheim an der Mozartstraße in die Trägerschaft und bietet seitdem auch stationäre Pflege an. Zwei 1956 gebaute Häuser wurden schon seit den 60er Jahren als kommunales Altenheim genutzt. Auf dem 10.000 Quadratmeter großen Gelände begann im September 1998 der Neubau eines modernen, zeitgemäßen Pflegeheims. 1999 erfolgte der Umzug in den Neubau. Im März 2019 wurde in der vorherigen Begegnungsstätte auf der nahe gelegenen Horststraße eine Tagespflege eingerichtet. Gemeinsam mit der direkt benachbarten Wohnanlage für Betreutes Wohnen gehört das Seniorenpflegeheim »An der Mozartstraße« seitdem zum Sozialen Zentrum Mozartstraße. 

Im Mai 2000 wurde die EURO-Plus-Senioren-Betreuung GmbH gegründet. Erfahrungen bei der Begleitung der jeweiligen Bauherrn bei den Errichtungen von Wohnanlagen für Betreutes Wohnen und die aus dem Bau des Seniorenpflegeheims an der Mozartstraße konnten seitdem in neue Seniorenpflegeheime in Sachsen und in Bayern einfließen. 

 

Mit Übernahme der Trägerschaft über vier Kindertagesstätten knüpfte die Volkssolidarität Chemnitz an die alte Tradition Kinderbetreuung aus der Anfangszeit des Verbandes an. Alternative pädagogische Konzepte und der Anspruch der Kindertagesstätten als Bildungseinrichtungen bilden dabei die Grundlage für die Arbeit mit Kinderkrippen-, Kindergarten-, Hort- und Integrationskindern. Aus den 1993 und 1995 übernommenen Kindertagesstätten in der Ernst-Enge-Straße und der Max-Türpe-Straße sind mittlerweile das 1. Montessori-Kinderhaus und das Montessori-Kinderhaus „Pfiffikus“ geworden, die beide nach dem Konzept Maria Montessoris arbeiten. 1995 kam noch die Kindertagesstätte Sebastian-Bach-Straße hinzu, die jetzt den Namen „Sonnenbergstrolche“ trägt. 1997 folgte die Kindertagesstätte am Küchwaldring, die nach einer grundlegenden Sanierung des baufälligen Gebäudes den Namen „Glückskäfer“ trägt und eine offene Einrichtung ist. 

 

Einige soziale Dienstleistungen und Projekte, die der Stadtverband seit 1990 anbot, mussten aus verschiedenen Gründen wieder eingestellt werden. Dazu zählt das Kriseninterventionszentrum, deren Trägerschaft die Volkssolidarität Chemnitz im November 1993 übernahm. Die Einrichtung bot Hilfe für Menschen in Notsituationen (u. a. bei psychosozialen Problemen wie Alltagssorgen, Arbeitslosigkeit, Partnerproblemen, Vereinsamung, Trauerbewältigung, Wohnungsproblemen, Schulden etc.), bei psychischen Erkrankungen sowie zur gesprächstherapeutischen Begleitung bei körperlichen Erkrankungen wie Krebs und nach Unfällen. Obwohl das Kriseninterventionszentrum zum festen Bestandteil des psychosozialen Versorgungsnetzes der Stadt Chemnitz und auch darüber hinaus wurde und der Bedarf hoch gewesen ist, musste es Ende 2003 aufgrund von wegfallenden Fördermitteln geschlossen werden.

In der Europäischen Flüchtlingskrise konnte der Verein nicht nur zahlreiche flüchtende Menschen mit Mahlzeiten versorgen und sozial betreuen, sondern mit CULTRA auch ein Projekt für den kulturellen Austausch einrichten.  CULTRA brachte Menschen zusammen, unabhängig davon, wie alt man ist, welche Hautfarbe man hat oder aus welchem Land man kommt. Mit einem bunten Veranstaltungsangebot wurde der Zusammenhalt unter den verschiedenen Nationalitäten gefördert und beim Aufbau sozialer Kontakte geholfen. Durch veränderte Förderbedingungen musste das Projekt bereits 2017 wieder eingestellt werden.

Die weltweite Corona-Pandemie 2020/2021 brachte für die Einrichtungen der Volkssolidarität Chemnitz und ihre Tochterunternehmen große Einschränkungen mit sich. Aufgrund der Dynamik des Infektionsgeschehens galt es, zumeist zügig auf kurzfristig erschienene Verordnungen zu reagieren und die entsprechenden Regelungen umzusetzen. So waren bspw. die Seniorenpflegeheime von Besuchseinschränkungen betroffen, Kindertagesstätten mussten schließen und eine Notbetreuung einrichten und in den Begegnungsstätten und Stadtteiltreffs durften viele Wochen lang keine Veranstaltungen angeboten werden.

Besonders hart betroffen war das Fachgebiet der Reiseveranstaltung der Volkssolidarität mit der im November 1993 als VUR - Volkssolidarität Urlaub und Reisen GmbH gegründeten Reiseerlebnis GmbH, die am Chemnitzer Rosenhof ein Reisebüro unterhielt. Spezielle Reisen für Senioren standen auf dem Programm, wie bspw. das alljährlich stattfindende Sommer- und Herbsttreffen der Volkssolidarität, welches zu vielen ausgewählten Orten in ganz Deutschland führte. Durch die Corona-Pandemie war das Reisen viele Monate gar nicht und dann sehr eingeschränkt unter Einhaltung von Hygiene-Auflagen möglich. Ein wirtschaftlicher Weiterbetrieb unter dem Dach der Volkssolidarität war nicht mehr möglich. Damit die Angebote dennoch erhalten bleiben, übergab der Stadtverband die Reiseerlebnis GmbH in die Hände eines langjährigen Partners, der sich auf Busreisen spezialisiert hat. Die beliebten Reiseformate sollen dadurch weiterhin angeboten werden.

aus VS Aktuell 3/2021, erschienen im  VS Aktuell 3/2021   Aus der Stadtgeschichte