Chemnitz und seine Scheunen

aus VS Aktuell 3/2003, erschienen im  VS Aktuell 3/2003   Aus der Stadtgeschichte 

Der Herbst rückt wieder landwirtschaftliche Bauten in den Blickpunkt, in denen Ernteprodukte - Getreide, Heu, Futter - aufbewahrt werden: die Scheunen. Dabei vermutet man bestimmt nicht, dass es sie nicht nur auf den Dörfern, sondern bis vor einem guten Jahrhundert auch in unserer Stadt gab. Denn Chemnitzer Bürger betrieben für ihren Unterhalt einstmals auch Ackerbau auf Feldfluren außerhalb der Stadtmauer. Die geernteten Erzeugnisse bewahrten sie dann in ihren Scheunen auf, die entweder direkt in der Stadt selbst oder aber unmittelbar vor ihren Toren errichtet worden waren. Und es waren nicht wenige. 1822 gab es im Stadtbereich immerhin schon 49 Scheunen. Es gab sie zum Beispiel in der Theaterstraße oder in der Nähe der Brückenstraße. Besonders viele Scheunen hatten ihren Standort in der heutigen Moritzstraße. Ein Steuerregister weist hier um 1700 17 Scheunen aus. Deshalb führte die Straße auch bis 1864 den Namen „Scheunengraben“. In der von Adam Daniel Richter 1753 verfassten „Chronica der Churfürstlich Sächßischen Stadt Chemnitz“ heißt es dazu: „Die Hauptgasse vor dem Chemnitzer Tore, durch welche die Straße nach Annaberg gehet, hat zur linken Hand eine Gasse abgehend, die sich bis in die Zschopauer Straße bei dem Johannis-Gottesacker (heute Park der OdF) erstrecket, und der Scheunengraben genannt wird.“

 

Der Scheunengraben ist eng mit so manchem gewichtigen Ereignis der Stadtgeschichte verbunden. Als am 23. August 1732 der Feind, die kaiserlichen Truppen, vor den Toren der Stadt stand, wurden zur Abwehr neben 30 Häusern vor dem Chemnitzer Tor auch zahlreiche Scheunen angezündet, um sie nicht in die Hände des Feindes fallen zu lassen und ihr Inhalt ihm zur willkommenen Beute werden konnte. Am 21. April 1640 schickte der Stadtkommandant durch den Zufluss des Bernsbaches, der damals an der Reitbahnstraße in die heutige Bahnhofstraße mündete, einen Jungen mit dem Auftrag hinaus in der Vorstadt Feuer zu legen. Dabei brannten auch sechs Scheunen ab. Als die Franzosen am 3. Oktober 1813 von Gablenz aus die Stadt beschossen, kam die Scheunengasse glimpflich davon, da nur eine Granate in eine Scheune einschlug und die erwies sich zum Glück als Blindgänger. Am 2. Juli 1817 hingegen war es weit schlimmer. Am Abend, gegen 22 Uhr, brach auf dem Scheunengraben eine Feuersbrunst aus und legte in kurzer Zeit 11 Scheunen der Stadt in Schutt und Asche. Ein Teil wurde wieder aufgebaut, viele jedoch blieben wüst. Doch mit dem Aufbruch der Stadt Chemnitz in das industrielle Zeitalter verloren die „Überbleibsel der vergangenen Tage“ ihre Zweckbestimmung. Am 1. Juli 1896 fielen wiederum zwei Scheunen dem Feuer zum Opfer und blieben Brandstätten. 1898 erfolgte der Abbruch von zwei weiteren Scheunen. Anfang 1901 fiel dann schließlich in der Moritzstraße Nr. 33 die letzte Scheune. An ihre Stelle traten in der Folgezeit weithin bekannte Bauten, wie das 1912/1913 von dem Architekten Wilhelm Kreis erbaute Warenhaus H. & C. Tietz, das gegenwärtig in das „Kultur- Kaufhaus“ der Stadt umgenutzt wird, oder der neu errichtete attraktive Gebäudekomplex „Moritzhof“ mit der Sparkasse und dem Bürger-Service-Center. Wer denkt schon angesichts der modernen Architektur daran, dass hier noch bis vor 100 Jahren Scheunen ihren Standort hatten? Doch auch sie gehören eben zu unserer Geschichte. Und so veranschaulicht gerade die Moritzstraße, dass die Entwicklung kräftig voranschreitet.