Chemnitz und der Weihnachtsbaum

aus VS Aktuell 4/2003, erschienen im  VS Aktuell 4/2003   Aus der Stadtgeschichte 

„Doch brennen muss der Lichterbaum zum heiligen Festesmorgen, den Kindern macht es zuviel Freud

... Der Tannenbaum muss brennen licht, mit Äpfel und mit Nüssen ...“

So lauten einige Zeilen aus einem längeren Weihnachtsgedicht, das vor 150 Jahren, am 24. Dezember 1853, im „Chemnitzer Tagesblatt und Anzeiger“ erschien. Damit sei die Frage einmal aufgeworfen, wann der Weihnachtsbaum, Christbaum oder auch die Christtanne in unsere Stadt kam. Allerersten Bekundungen zufolge soll er vereinzelt schon am Ausgang des 18. Jahrhunderts in Chemnitzer Familien das Weihnachtsfest verschönt haben. Doch in offiziellen Chronikdaten ist von der allgemeinen Einführung in den Chemnitzer Familien erst im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts die Rede, vornehmlich nach den nationalen Befreiungskämpfen gegen Napoleon. Sein Schmuck war allerdings damals noch sehr bescheiden. Er bestand zumeist aus Pfefferkuchen, so genannten „Pfennig-, Dreier- und Sechserstücken“. Sein Lichterglanz aber wird erst ab 1815 gefeiert. Der Christbaum hielt sehr schnell Einzug bei den Chemnitzer Familien, sowohl auf dem Kaßberg, wie auch in den Arbeiterwohngebieten Brühl oder Sonnenberg. Im Jahre 1906 wurden nach den Angaben der Marktpolizei ca. 35.000 Christbäume auf den Markt gebracht. 1909 betrug die Anfuhr sogar 57.000 Stück, wofür natürlich nicht alle als „Lichtertanne“ Verwendung fanden. Doch im Folgejahr hingegen machte sich mit einer Anlieferung von 37.000 Stück ein recht fühlbarer Mangel bemerkbar. Der Verkauf der Christbäume wurde vom Polizeiamte streng überwacht. So wird in einer Bekanntmachung vom 15. Dezember 1903 nochmals darauf hingewiesen, dass die Verkäufer sich über den rechtmäßigen Erwerb der Bäume „durch möglichst speziell abgefaßte und obrigkeitlich entweder ausgestellte oder wenigstens beglaubigte Zeugnisse“ ausweisen müssen. Andernfalls wurden der Verkäufer „dem Polizeiamte zugeführt“ und die Bäume beschlagnahmt. Die ersten Weihnachtsbäume wurden schon Anfang Dezember angeliefert. Sie dienten für gewöhnlich als „zumeist stolze, hochaufragende Bäume“ zur Verschönerung der Vorweihnachtsfeiern von Vereinen, Gesellschaften oder Gaststätten, wie es z. B. die Abbildung einer Werbeanzeige der Gaststätte „Reichels Neue Welt“ in Altchemnitz vor 100 Jahren zeigt. In unseren Tagen beginnen die Weihnachtsvorbereitungen sogar noch bedeutend früher. So war zum Beispiel in der „Blauen Börse“ der „Freien Presse“ vom 17. September 2003 folgendes Angebot enthalten: „Wunderschöne Weihnachtsbäume, ca. 3 m, 5 m und ca. 25 m hoch. Preis nach Vereinbarung. Auf Wunsch Foto.“ Lesenswert sind für uns auch heute bestimmt die Werbeanzeigen für Christbaumschmuck aus der Zeit vor 100 Jahren. Sie bedürfen durchaus keines weiteren Kommentars. Chemnitz hat noch eine interessante Tatsache aufzuweisen, die direkt mit dem Weihnachtsbaum in Verbindung steht. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts formierten sich hier zwei Wohltätigkeitsvereine. Der eine von ihnen, mit Sitz im „Preußischen Hof“ in der Brauhausstraße, hatte sich den Vereinsnamen „Christbaum“ und der andere, mit dem Vereinslokal in der Peterstraße 8, den Vereinsnamen „Christtanne“ zugelegt. Beide organisierten beliebte Abendunterhaltungen, so z. B. im ehemaligen Gesellschaftshaus „Thalia“ in der Sonnenstraße mit Musik, Lustspiel, Gesang und Humor, als Benefiz- Vorstellungen. Die Einnahmen wurden für wohltätige Zwecke, nämlich „arme alten sowie kranke Personen hiesiger Stadt Unterstützung zu gewähren“ verwendet.