Humboldtschul-Historie

aus VS Aktuell 2/2005, erschienen im  VS Aktuell 2/2005   Aus der Stadtgeschichte 

Die höchste Stelle des Sonnenberges bekrönt ein repräsentativer Schulbau - die Humboldt- Schule. Sie war durch das rasche Wachstum des Arbeiterwohngebietes erforderlich geworden und wurde seinerzeit noch „ins Freie gestellt“. Die Oberbauleitung lag in den Händen von Stadtbaurat Möbius, Planung und Ausführung bei Stadtbaumeister Walter. Sie waren bestrebt, wie das „Chemnitzer Tageblatt und Anzeiger“ am 28. September 1913 schrieb, „das richtige Verhältnis von Einfachheit und Schönheit zu erreichen, zu wirken nicht durch Beiwerk, sondern durch den eigenartigen und sachlichen Aus- druck, durch gute Verhältnisse und gute Gruppierung der Massen“. Es handelte sich dabei um eine asymmetrisch gestaltete Doppel-Bezirksschule für Knaben und Mädchen, deren gemeinsamer Mittelbau in die Fürstenstraße eintrat, an den sich dann an der Nord- und Südseite zwei Flügelbauten anschlossen. Der Gebäudekomplex enthielt neben den üblichen Verwaltungsräumen je 24 Klassenzimmer, zwei große Kombinationszimmer, zwei Zeichensäle und zwei Turnhallen, je einen Werkunterrichtsraum für die Jungen und einen Handarbeitssaal für die Mädchen sowie ein gemeinsames Brausebad und Schulküche. Das neue Schulobjekt war im Innern hinsichtlich Gestaltung und Lehrmittel nach modernen Gesichtspunkten eingerichtet und entsprach den Anforderungen der Schulhygiene. Das „Chemnitzer Tageblatt und Anzeiger“ urteilte über den Schulbau: „Das Nützliche und Zweckmäßige, Hygiene und pädagogische Wohlbeschaffenheit und mögliche Ausnutzung aller modernen Mittel der Technik bestimmten den Ausbau sowohl wie die Ausstattung des Innern“. Die Baukosten für die Humboldtschule betrugen 838 447 Mark. Die in Gegenwart von Oberbürgermeister Dr. Sturm am 10. April 1914 geweihte Schule erhielt den Namen Humboldtschule. Stadtschulrat Dr. Richter, der darauf verwies, dass damit erstmals eine Volksschule nach dem bedeutenden Forscher und Wissenschaftler benannt werde, begründete, „dass damit ausgesprochen werden soll, dass in unseren Zeiten der Pflege der Naturwissenschaften ein hohes Ansehen zustehe … Es ist besonders das Verdienst Humboldts, den ursächlichen Zusammenhang allen Geschehens zu erforschen und zusammenzustellen …, wobei er das Urbild der volkstümlichen und gründlich gelehrten Darstellung aufweist. Uns Lehrern der Gegenwart erwächst die Aufgabe, unsere Naturwissenschaften im Sinne und Geiste Humboldts zu erteilen unter steter und kluger Berücksichtigung der Fassungskraft der Kinder. Sie sollen bewundernder Betrachter der Natur werden“. Im Verlaufe ihrer etwa 90jährigen Geschichte entwickelte sich die Humboldtschule für über ein Jahrzehnt zu einem international anerkannten Zentrum für Reformpädagogik. Seit 1914 von progressiven Chemnitzer Lehrern angestrebt, von der Novemberrevolution 1918 befördert und ganz besonders von den Pädagogen Ottomar Fröhlich und Max Uhlig initiiert, erhielt die Volksschule für Mädchen auf dem Sonnenberg Ostern 1921 den Status einer freien Volksschule, in die auch Jungen einbezogen wurden. Ab 1924 trug sie den Namen „Freie Humboldtschule Chemnitz“. Ihr Grundsatz, geprägt von demokratischen und humanistischen Elementen war: Freie schöpferische Gestaltung der Kindererziehung zur Gemeinschaft durch Gemeinschaft mit dem Ziel, Schulklassen in Kindergemeinschaften zu verwandeln. Charakteristisch dafür waren die arbeitsschulmäßige Gestaltung eines jahrgangs- und fächerübergreifenden Unterrichts. Besonderheiten gegenüber der Regelschule bildeten Schulspeisung, reguläre ärztliche Untersuchungen, das eigene Schullandheim „Kreuztanne“ bei Sayda und die Schulzeitung „Der Sonnenberg - Blätter der Humboldtschule“. Die Schule wurde mit öffentlichen Theateraufführungen, Weihnachts- und Kinderjahrmärkten mit Selbstgefertigtem, Schulchorveranstaltungen und Schülerkonzerten sowie Sport- und Schwimmfesten zum kulturell- sportlichen Mittelpunkt des Sonnenberges. Die Freie Humboldtschule Chemnitz erhielt aktive Unterstützung durch die Internationale Arbeiterhilfe (IAH) und den Humboldt-Schulverein. Direktor der international beachteten Lehr- und Lerneinrichtung war Fritz Müller. Die Freie Humboldtschule bildete eine weltliche Schule der Arbeiterschaft, getragen von der proletarischen Elternschaft. Deshalb auch kam für sie mit der NS-Herrschaft das erzwungene Aus. Am 5. April 1933 erfolgte ihre Auflösung. Bereits am 6. März 1933 hatten die Nazis ihre Fahne auf dem Gebäude gehisst. Noch früher, in der Nacht vom 4. zum 5. Februar 1933 zerstörten SA-Vandalen aus Neuhausen die Einrichtung des Schullandheimes „Kreuztanne“. Max Uhlig wurde verhaftet und inhaftiert, der Schulleiter und fünf Lehrer aus dem Schuldienst entlassen, weitere strafversetzt. Auf die Nazifahne unternahmen mutige Schüler mit Tinte einen erfolgreichen Anschlag. Gegen das NS-Regime kämpften die ehemaligen Schüler Albert und Walter Janka sowie Kurt Weißer aktiv. Im 2. Weltkrieg diente die Schule der Wehrmacht als Lazarett. Im Herbst 1946 kam es zu einer Wiedergründungsinitiative für die Humboldt-Versuchsschule, befördert von Stadtrat Johannes Riesner und Schulrat Max Uhlig. Das war ein einzigartiges Pilotprojekt der Reformpädagogik in der Sowjetischen Besatzungszone. Nach außerordentlich mühevollem Auf- und Ausbau des traditionellen Schulbaus auf dem Sonnenberg kam es am 1. September 1948 zur Wiedereröffnung der ersten Grundschule mit Tagesheim, einschließlich Kindergarten und Landheim. Doch die administrative Durchsetzung der Sowjetpädagogik führte im Osten Deutschlands alsbald zur Abgrenzung von der „spätbürgerlichen“ Reformpädagogik. Ab 1955 wurde in der Humboldtschule das Pädagogische Institut mit Übungsschule untergebracht. 1994 zog in das traditionsreiche Schulobjekt Fürstenstraße 85 das „Alexander-von-Humboldt-Gymnasium“ ein. Am 25. Februar 2004 jedoch beschlossen die Stadträte seine Aufhebung. Nach abgeschlossener Sanierung soll dann der Schulbau vom „Johannes-Keppler-Gymnasium“ bezogen werden.