Zweites endgültiges Aus für die „Brückenschule“

aus VS Aktuell 2/2007, erschienen im  VS Aktuell 2/2007   Aus der Stadtgeschichte 

Es war für etwa 75 Jahre ein eher unauffälliges Gebäude, das über eine "Luftbrücke" mit dem repräsentativen Bau verbunden war, den der profilierte Architekt Erich Mendelsohn 1929/30 für den ehemaligen Schocken-Konzern als Warenhaus errichtet hatte. Nun wurde Anfang des Jahres das Objekt in aller Kürze niedergerissen, sein Standort beräumt und mit einer Holzbarriere umzäunt. Aus dem Rathaus war zu hören, man brauche den Platz für die Baustelleneinrichtung und später als Parkplatz für die Besucher des Landesarchäologie-Museums. Damit wurde die einstmalige "Brückenschule" im Stadtbild ausgelöscht. Als Erinnerung bleibt uns nur die Historie.

 

Nach dem Erlass des sächsischen Schulgesetzes von 1773 setzte sich der verdienstvolle Schulmann Hermann Holscher, allen Widerständen trotzend, mit ganzer Energie dafür ein, dass auch in Chemnitz eine eigenständige Mädchenschule errichtet wurde. Dafür entstand 1877 die sogenannte "Brückenschule". Es war ein für Chemnitzer Schulbauten typisches Gebäude: Ein ziemlich schlichter Kastenbau ohne dekorative Elemente, doch trotz aller Einfachheit von gefälligem Äußeren. Die als "1. Höhere Volksschule für Mädchen" bezeichnete Lehr- und Lerneinrichtung war hervorgegangen aus der 1830 gegründeten Allgemeinen Bürgerschule, die in den 1870er Jahren nicht mehr den Erfordernissen der Zeit gerecht wurde. Sie war von Anbeginn an zehnstufig mit Unterricht in zwei Fremdsprachen und vermittelte eine gediegene, in sich abgeschlossene Allgemeinbildung. Das schuf solide Voraussetzungen für den Besuch von Lehrerinnen- Seminaren und Hochschulen. Die "Brückenschule" war keineswegs eine Standesanstalt, sondern nahm auch befähigte Mädchen - bei völliger Lehrgeld- und Lernmittelfreiheit - auf, die "meist aus Arbeiterkreisen entstammten". Unter dem Direktor Hermann Holscher, der drei Jahrezehnte an der Spitze des 36 Lehrer umfassenden Kollegiums stand, nahm die Schule einen bedeutenden Aufschwung und erfreute sich großer Beliebtheit in allen Kreisen der Bevölkerung. Sie erreichte eine Klassenzahl von 33. Es unterrichteten u.a. solche Persönlichkeiten wie der Dichter und Schriftsteller Prof. Dr. Anton Ohorn, der Erforscher des "Steinernen Waldes" Prof. Dr. Johannes Traugott Sterzel und der erfahrene Pädagoge Prof. Emil Walther. Im Ergebnis des über 50jährigen Unterrichts erfuhren ca. 6000 Schülerinnen eine qualifizierte Ausbildung. In der "Brückenschule" befand sich auch die zentrale Lehrerbücherei der Stadt Chemnitz. Ab 1926 beherbergte das Gebäude die Deutsche Oberschule für Mädchen und Aufbauschule. Die "Brückenschule" erwies sich jedoch infolge ihrer Lage im Zentrum des stärksten Großstadtverkehrs zunehmend als unakzeptabel, wenn sich auch ein "Verein zur Erhaltung der Brückenschule" formierte und gegen die Auflösung stemmte. Deshalb begann 1919 der schrittweise Abbau und am 28. März 1928 kam die letzte Klasse zur Entlassung. In der Abschiedswürdigung hieß es: "Wenn es in Chemnitz eine Schule gab, die Schulheimat und Schulgemeinde im besten und geschlossensten Sinne des Wortes war, dann war es die Brückenschule. Ein vorbildliches Zusammenwirken von Lehrerschaft und Elternschaft schuf hier eine beispiellose Einheitlichkeit." Das Gebäude erwarb der Schocken-Konzern. Am 1. April 1931 ging es dann aus städtischem in dessen Besitz über und erfuhr eine neue Zweckbestimmung.