Ein Genuss von Kunst und Kultur

aus VS Aktuell 3/2007, erschienen im  VS Aktuell 3/2007   Aus der Stadtgeschichte 

In der Sommerzeit ist auch Hohe Zeit für die „Theater unter freiem Himmel“. Das sei Anlass, daran zu erinnern, dass auch Chemnitz bis 1926 eine solche attraktive Spielstätte besaß: das Naturtheater Rabenstein.

 

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg beschloss der Besitzer der 1908 stillgelegten „Kalkgrube“ Rabenstein gemeinsam mit den Schauspielern Georg Braatz und Ludwig Holler, das Terrain kulturell-bildenden Zwecken dienstbar zu machen. Das Theater wurde in dem baumbeschatteten Kalksteinbruch vor dem Hintergrund der Felsenwände terrassenförmig im Stile eines Amphitheaters mit 1.746 Sitzplätzen angelegt. In einem Erinnerungsbericht heißt es dazu: „Im Halbrund hinter der Bühne, die etwa 15 m lang und 9 m tief war, stiegen senkrecht zusammenhängende Felsen in eine Höhe von 12 bis 15 m hoch. An beiden Seiten der Bühne befanden sich natürliche Höhlen.“ Das Theater besaß eine vorzügliche Akustik. Das Naturtheater Rabenstein wurde auf genossenschaftlicher Basis durch eine Künstlervereinigung von etwa 40 Mitgliedern des Schauspielensembles der Städtischen Theater in den Theaterferien, im Allgemeinen von Mitte Mai bis Mitte September bespielt. Die Eintrittspreise waren volkstümlich: 0,50 bis 2,50 Mark. Erwerbslose erhielten für sich und eine zweite Person 50 Prozent Ermäßigung. Die Eröffnung des Theaters erfolgte am 1. Juni 1919 mit der dramatischen Dichtung „Wieland der Schmied“. Bereits die erste Spielzeit verzeichnete mit 89 Aufführungen eine Gesamtbesucherzahl von 90.000, darunter 25.000 Kinder. Die Aufführungen von „Wilhelm Tell“ im Juli 1921 hatten insgesamt 11.483 Besucher. Das Repertoire des Theaters, mit künstlerischem Geschmack zusammengestellt, war von großer Vielfalt. Es kamen Werke von Goethe und Schiller, von Gerhart Hauptmann, Franz Grillparzer und William Shakespeare sowie das Kolossalgemälde der Französischen Revolution, „Dantons Tod“ von Georg Büchner, in 28 Bildern mit etwa 150 Darstellern zur Aufführung. Auch Opern, wie z. B. „Das Nachtlager von Grenada“ kamen auf die Naturbühne. Großer Beliebtheit erfreuten sich die Fastnachtsspiele von Hans Sachs, Bauernkomödien von Ludwig Anzengruber und natürlich Märchenspiele. Oftmals schlossen sich an die Vorstellungen Kinder- und Volksfeste für die Besucher im Theatergarten an. Im Naturtheater fanden eindrucksvolle Pfingst-, Sonnenwend- und Verfassungsfeiern sowie großartige Konzerte von Chören und Orchestern statt. Es wurden eigens Veranstaltungen für den Volksbildungsausschuss und das Amt für Jugendpflege der Amtshauptmannschaft, für die Höheren Lehranstalten und für Großbetriebe, wie z. B. die Wanderer- oder Reinecker-Werke sowie Vereine, wie z. B. die Volksbühne, den Handwerker-, Pädagogischen oder den Kaufmännischen Verein und die Ortsgruppe des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten organisiert. Auch politische Organisationen führten Veranstaltungen im Naturtheater durch. Dazu gehörten z. B. der Sozialdemokratische Bezirksverein, die Freie Sozialistische Jugend oder der Kommunistische Jugendverband. Es wurden auch geschlossene Vorstellungen für die Chemnitzer städtischen Schulen durchgeführt. 1924 gelangten sogar Passionsspiele zur Aufführung. Dabei geht die Legende, dass der Gekreuzigte vorher mit Alkohol „präpariert“ wurde, damit er die dreistündige Spieldauer überstehen konnte. Das Naturtheater erlag jedoch den wirtschaftlichen Zwängen und musste im Gefolge sinkender Besucherzahlen mit dem Ende der Spielzeit 1926 seinen Betrieb einstellen. Versuche einer Wiederbelebung in den 1930er Jahren kamen nicht mehr zum Tragen, da ab 1936 der Betrieb des Schaubergwerkes „Rabensteiner unterirdische Felsendome“ Priorität hatte. Auch nach der Wende kam es trotz mehrfacher Bemühungen zu keiner Neubelebung. Die Episode „Naturtheater Rabenstein“ in der Chemnitzer Theaterhistorie ist abgeschlossen. Daran erinnert uns heute nur noch die Straße „Am Naturtheater“ in Rabenstein.