Zum 63. der Volkssolidarität

aus VS Aktuell 4/2008, erschienen im  VS Aktuell 4/2008   Aus dem Verein 

Ein Interview mit dem Präsidenten der Volkssolidarität Prof. Dr. Gunnar Winkler

Die Volkssolidarität begeht in diesen Tagen den 63. Jahrestag ihrer Gründung. Wo steht sie als Sozial- und Wohlfahrtsverband heute?
Die Volkssolidarität hat in den vergangenen Jahren ihre unverwechselbare Stellung als Sozial- und Wohl­fahrtsverband in der bundesdeutschen Soziallandschaft weiter gefestigt und ausgebaut. Das ist umso beachtlicher, weil sich die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen, vor allem durch den fortschreitenden Sozialabbau, höchst nachteilig auf unsere Arbeit auswirken. Das charakteristische Merkmal unseres Verbandes ist ein zahlenmäßig starker Mitgliederverband mit mehr als 300.000 Mitgliedern und die von ihm ausgehende sozialpolitische Interessenvertretung. Der Mitgliederverband setzte und setzt sich nicht nur aus Betroffenen oder zu Betreuenden zusammen, sondern vorrangig aus Menschen, die in Gemeinschaft etwas für sich und für andere tun wollen, für die unser Verband soziale Heimstatt, gewissermaßen auch „Familie“ ist. Das stabil zu halten, ist  eine große Herausforderung für die ehrenamtlichen Vorstände und Geschäftsführungen aller Verbandesebenen. Viele „kleine“ Schritte, gute Ideen und Projekte sowie ein aktives Ehrenamt, sind die Grundlagen für unseren erfolgreichen Weg. Die Verbandsgliederungen der Volkssolidarität haben durch ihre vielfältigen Aktivitäten dazu beigetragen, dass allein im ersten Halbjahr 2008 fast 8.000 Mitglieder neu geworben werden konnten.

Die Volkssolidarität hat kürzlich eine Studie zum Ehrenamt veröffentlicht. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?
Zu den herausragenden Ergebnissen gehört, dass die rund 31.000 Ehrenamtlichen der Volkssolidarität allein im Jahr 2007 mit ca. 5,6 Millionen geleisteten Stunden im Ehrenamt eine Wertschöpfung von über 41,7 Millionen Euro erbracht haben. Darauf können wir berechtigt sehr stolz sein. Zu den Ergebnissen gehört auch die Erkenntnis, dass es in den neuen Bundesländern ein beachtliches Potenzial für ehrenamtliche Arbeit gibt, das aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft wird. Die Arbeit der Sozial- und Wohlfahrtsverbände erhält dabei zunehmendes Gewicht, das gilt auch für die Volkssolidarität.
Unser Verband wurde von Beginn an von seiner ehrenamtlichen Arbeit geprägt, der zunächst Hunger und Obdachlosigkeit, Sicherung von Grund- und Mindestbedürfnissen zum Anliegen hatte und dies zunehmend mit sozialer und kultureller Betreuung, mit aktivem Tätigsein seiner Mitglieder verband. Die Volkssolidarität war bei allen erfolgten politischen Begrenzungen ihrer Arbeit auch in der DDR ein Beleg für notwendiges und erfolgtes interessengeleitetes bürgerschaftliches Engagement. Im Zentrum ehrenamtlicher Tätigkeit auf Gruppenebene stand stets das soziale Anliegen.
Als 1990 mit der deutschen Einheit das soziale Leistungssystem und die Organisationsstrukturen der (alt-)bundesdeutschen Länder für die neuen Bundesländer übernommen wurden, entschied sich unser Verband dafür, sich in die neuen Strukturen einzuordnen und sein Tätigkeitsspektrum über den Mitgliederverband hinaus durch soziale Dienstleistungen und sozialpolitische Interessenvertretung zu erweitern.
Insofern hat das Ehrenamt für unseren Verband zum einen Kontinuität gebracht, zum anderen den Grundstein für die Neuausrichtung gelegt.
Zum Ehrenamt gehören der Spaß an der Tätigkeit ebenso wie das gute Gefühl, für andere da zu sein, gemeinnützig zu wirken, das heißt auch das Verantwortungsgefühl anderen Menschen gegenüber zu entwicklen. Viele finden dabei Selbstbestätigung und wollen zugleich Teil eines Ganzen sein.
Unsere Aktiven wenden im Durchschnitt rund 15 Stunden im Monat für das freiwillige Engagement auf. Das wird mehrheitlich als unentgeltliche Arbeit verstanden und geleistet. Eine wichtige Rolle spielt jedoch auch dabei die Anerkennung im Verband und in der Öffentlichkeit für das Geleistete. Es müssten mehr jüngere Leute hinzukommen, um gemeinsam mit den schon länger Aktiven neue Ideen für die Weiterentwicklung des Verbandes auszuarbeiten.

Wie wird die Volkssolidarität in der Öffentlichkeit wahrgenommen?
In zunehmendem Maße – wenn auch vielerorts noch nicht hinreichend - ist es gelungen, die Volkssolidarität mit ihrem Profil, ihrem breiten Leistungsspektrum, ihrem sozial kulturellen, dem sozial wirtschaftlichen wie auch sozialpolitischen Anliegen und Wirken sowohl im Verband wie in der breiten Öffentlichkeit deutlicher in den Blickpunkt zu rücken.
Das betrifft einerseits das qualitativ gute und breit Angebot sozialer Dienste. So betreuen wir im Bereich der ambulanten, teilstationären, stationären Pflege und Wohnen monatlich 41.000 Menschen. Noch viel zu wenig wird aber wahrgenommen, dass die Volkssolidarität auch Träger von 389 Kindertagesstätten mit fast 38.000 Plätzen sowie von über 200 Einrichtungen und Beratungsstellen der Kinder- und Jugendhilfe ist. Das dokumentiert eindrucksvoll, dass wir längst ein Verband für alle Generationen sind. Dazu gehört auch, dass wir unsere Angebote der Sozialberatung stärken und ausbauen werden. Das ist eine unserer Antworten auf die veränderten sozialen bedingungen in der Gesellschaft.
Auch unsere Positionen im Sinne sozialpolitischer Interessenvertretung werden zunehmend von den Medien aufgegriffen. Wenn neuerding die offizielle Politik über Rentenangleichung und stärkere Beachtung der Lebensarbeitsleistung der Menschen im Osten spricht, so können wir nue darauf verweisen, dass dies seit Mitte der 90er Jahre, und verstärkt seit dem Einsetzen der Sozialreformen immer wieder von uns eingefordert wurde. Vielleicht gilt doch noch der Satz: Steter Tropfen höhlt den Stein.
Mitglieder - besonders ehrenamtliche Vorstände und hauptamtliche Mitarbeiter müssen sich jedoch noch mehr als sozialpolitische Interessenvertretung vor Ort verstehen und die Standpunkte der VS in die Öffentlichkeit tragen.

In der Öffentlichkeit wird die Volkssolidarität aber oft als „Rentnerverein“ wahrgenommen …
Ja, es gibt dieses „Alten Image“ der Volkssolidarität. Das hat sich ganz offensichtlich mit der gestiegenen Lebenserwartung auch ins höhere Alter verschoben. Studien der Volkssolidarität  zufolge erklären derzeit 41 Prozent der 60  bis 64 Jährigen und 29 Prozent der 65  bis 70-Jährigen, für die Volkssolidarität noch nicht alt genug zu sein. Dabei reflektieren sich vor allem zwei Dinge. Erstens wird oft nicht verstanden, dass die Volkssolidarität als Sozialverband der nachweisbaren Unterstützung vieler Menschen bedarf, welche durch ihre Mitgliedschaft - ohne bereits in Verbandsaktivitäten einbezogen zu werden (oder es auch noch nicht zu wollen) - durch ihre Mitgliedschaft sich zu den Zielen unseres Verbandes bekennen. Und zweitens „reflektiert sich in der Aussage „ich bin noch nicht alt genug“ aus der Sicht des Einzelnen auch die ihm bekannten Angebote. Die Interessen  und Bedürfnisstrukturen haben sich rascher verändert, als in vielen Fällen die erforderlichen Angebotsstrukturen unserer Verbandsarbeit. Das müssen wir selbstkritisch eingestehen. „Ich bin noch nicht alt genug“ meint, man fühlt sich noch nicht alt genug für diese Angebote und findet nicht hinreichend solche, die den eigenen Vorstellungen entsprechen. Wir bieten allen an, als Mitglied daran mitzuwirken das zu verändern, durch neue Angebote auf allen Ebenen.

In der Sozialpolitik suchen Sie verstärkt Bündnisse mit anderen Verbänden und Organisationen. Ist das ein neuer Weg?
Die Volkssolidarität sieht die größte Herausforderung darin, in der Gesellschaft die zunehmende, soziale Kluft zwischen arm und reich zu überwinden. Unsere Kooperationen mit dem Sozialverband Deutschland (SoVD), dem Sozialverband VDK Deutschland, den Gewerkschaften und anderen Partnern, auch mit der Bundesarbeitsg (BAGSO), sind Ausdruck der Erkenntnis, dass wir eine „Große Koalition der Betroffenen“ brauchen und nur diese in der Lage ist, sich den politisch Agierenden fundiert und schlagkräftig entgegenzustellen. Unser Verband setzt sich mit dem ihm zur Verfügung stehenden Kräften und Möglichkeiten für den Erhalt und die Förderung des Sozialen in dieser Gesellschaft, für den Erhalt der sozialen Sicherungs  und gesundheitlichen Versorgungssysteme ein und wird sein Engagement in dieser Hinsicht weiter verstärken. Dabei gehen wir davon aus, dass wir für einen „Sozialstaat“ eintreten, der es allen Bürgern ermöglicht, selbstbestimmt und unter menschenwürdigen Bedingungen zu leben. Wir wenden uns ausdrücklich gegen ein Menschenbild, das den Wert des Einzelnen nur nach dem Aspekt seines „ökonomischen“ Nutzens betrachtet. Davon ausgehend hat die Volkssolidarität mit dem SoVD einen Kurswechsel in der Sozialpolitik gefordert und das mit der Initiative „Sozialabbau stoppen. Sozialstaat stärken.“ untermauert. Dabei wurden schon mehr als 200.000 Unterschriften für den Erhalt des Sozialstaates gesammelt. Unsere Absicht ist es, diese Unterschriften Bundeskanzlerin Merkel zu übergeben, als Ausdruck des Willens vieler Mitglieder und Sympathisanten beider Verbände.