Engagement für die Kleinsten

aus VS Aktuell 1/2011, erschienen im  VS Aktuell 1/2011   Mitarbeiter vorgestellt   Montessori-Kinderhaus Pfiffikus 

Regina Herrmann, Leiterin des Montessori-Kinderhauses Pfiffikus

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ oder „Jedes Kind fühlt, denkt und lernt auf seine Art und Weise.“ Im Montessori-Kinderhaus Pfiffikus werden die Kinder nach diesem Motto auf ihren Wegen begleitet. Regina Herrmann ist seit 20 Jahren Leiterin dieser Einrichtung. Bis es das Haus wurde, was es heute ist, war es ein langer Weg.
 Nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin und einigen Zwischenstationen in Schulen, Heimen und Horten bekam sie 1991 die Möglichkeit, den Gebäudekomplex auf der Max-Türpe-Straße zu übernehmen und dort den ursprünglich zur Volksbildung gehörenden Kindergarten und die Krippe des Gesundheitswesens zusammenzuführen. Damals betreuten fast 30 Mitarbeiter über 200 Kinder. „In diesen ‚Kombis‘ war es schwierig, ein gesundes und gut zusammenarbeitendes Team zu bilden. Steine wurden mir in den Weg gelegt und viele Ideen, die man als junger Mensch hat, konnten nicht realisiert werden“, erzählt die Leiterin. Auch wenn es große Unterschiede zwischen Krippe und Kita gab, schaffte sie es, beide Seiten und beide Teams erfolgreich zu vereinen.
 Als Mitte der 90er Jahre viele Hochhäuser im unmittelbaren Einszugsgebiet abgerissen wurden, gab es plötzlich ein Überangebot an Kindertagesstätten. Einige Einrichtungen mussten geschlossen werden, andere haben sich an Freie Träger gewandt, um weiter bestehen zu können. 1995 ging die Kindertagesstätte auf der Max-Türpe-Straße in die Trägerschaft der Volkssolidarität Chemnitz über. Damals wusste keiner, was auf die Kinder und die Erzieherinnen zukommen wird. Auch viele Eltern waren verunsichert. Doch schon wenig später spürten alle, dass es eine gute Entscheidung war. „Im Gegensatz zu städtischen Einrichtungen wussten wir, dass wir langfristig als Team bestehen bleiben können. Wir waren uns sicher, dass es sich lohnen wird, etwas aufzubauen, weil wir an der Entwicklung teilhaben dürfen. Die Kita ist ein Stück von uns selbst geworden“, erzählt Regina Herrmann. „Die Volkssolidarität gab und gibt uns die Freiheiten, uns so zu entwickeln, wie wir es gern möchten.“
 Die Frage kam auf, in welche Richtung die Kindertagesstätte gehen möchte und wie letztlich ihr inhaltliches Profil aussehen soll. Schnell wurde sich darauf geeinigt, vor allem auf die Gesundheit zu setzen: Kneippsche Anwendungen, eine Sauna und gesunde Ernährung sollten im Mittelpunkt stehen. Regina Herrmann und ihr Team waren überzeugt, dass das beste Konzept für die Betreuung der Kinder die Montessori-Pädagogik ist. Vorerst wurde nur ein Teil des Hauses nach den Prinzipien Maria Montessoris geführt. Schnell offenbarte sich jedoch, dass ein Haus mit zwei unterschiedlichen Ansätzen nicht auf Dauer möglich ist, und seit 2004 wird in allen Gruppen nach diesem Konzept gearbeitet. Ganz nach dem Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“ steht das Kind als „Erbauer seiner Persönlichkeit“ im Zentrum der Arbeit in der Einrichtung, die sich seit 2006 Montessori-Kinderhaus Pfiffikus nennt. Heute werden 140 Kinder im Alter von unter einem Jahr bis zum Viertklässler von 16 Erzieherinnen liebevoll betreut. Auch Kinder mit Behinderungen sowie Kinder aus Migrantenfamilien werden bestmöglich gefördert und gefordert, werden in den normalen Alltag einbezogen und nicht isoliert. Jede Erzieherin verfügt über ein Montessori-Diplom. Einige haben sogar eine heilpädagogische Ausbildung.
 Wenn man Regina Herrmann fragt, ob sie die direkte Arbeit mit den Kindern vermisst, wird sie etwas wehmütig. „Natürlich hat mir der Umgang, der tägliche Kontakt mit ihnen viel Spaß gemacht und ich denke oft an die Zeit zurück, als ich Erzieherin war. Vor allem fehlt das Lächeln der Kleinen als Lohn für die Arbeit. Doch wenn es die Zeit zulässt, gehe ich in die Gruppen und besuche die Kinder. Oft werde ich auch von ihnen eingeladen, um beispielsweise anzuschauen, welche kreativen und musischen Ergebnisse sie erzielt haben.“
 Besondere Freude habe ihr immer die Arbeit mit etwas größeren Kindern bereitet, da ihr die Wissensvermittlung sehr am Herzen liegt. „Es ist immer schön, wenn man Kinder neu motivieren kann, wenn sie an den Lippen kleben und immer wieder Fragen stellen“, erzählt sie. Jede Erzieherin solle möglichst über eine umfassende Allgemeinbildung verfügen. Neben den Bereichen Musik, Mathematik, Geografie und auch Geschichte sei ein Grundwissen in zahlreichen anderen Gebieten von Vorteil. Kinder würden von Natur aus neugierig sein, alles hinterfragen und immer eine Antwort wollen.
 Heute gehören jedoch andere Dinge zu Regina Herrmanns Aufgaben, die von Elterngesprächen über verschiedene Antragstellungen, Personalplanung- und motivierung bis hin zum Organisieren von Veranstaltungen sowie dem Durchführen und Optimieren von Projekten reichen.
 Besonders bei den Elterngesprächen sei teilweise Fingerspitzengefühl gefragt. „Oft gibt es Situationen, in denen man beispielsweise mitteilen muss, dass das Kind einer besonderen Förderung bedarf. Viele versperren sich vor den Problemen und müssen langsam damit konfrontiert werden.“ Sachlich zu bleiben und sich dabei auf das jeweilige Elternpaar einzustellen, sei dabei besonders wichtig. Die Kindertagesstättenleiterin ist dann auch Freund, Seelentröster und Zuhörer. Die Elternarbeit habe sich in den letzten Jahren zu einer Elternpartnerschaft entwickelt. Früher wurden die Kinder gebracht und abgeholt, ein direktes Miteinander gab es kaum. Heute arbeiten Eltern und Kita zusammen. Elternabende, Arbeitseinsätze und Entwicklungsgespräche werden organisiert. „Wir wollen keine direkten Ratschläge geben, sondern sind die pädagogische Fachkraft, welche die Kinder auf ihren Wegen bestmöglich begleiten möchte“, berichtet Regina Herrmann. „Dazu ist die Zusammenarbeit mit den Eltern von großer Bedeutung. Sie kennen ihr Kind am besten und nur durch den Austausch untereinander können wir verstehen, warum ein Kind gerade etwas mag oder nicht mag oder sich so oder so verhält.“
 Die Montessori-Pädagogik mit ihrem Respekt vor der Individualität und der Würde eines jeden Kindes setze hier an. Die didaktischen Materialien, die in einer anregenden Umgebung den Kindern angeboten werden, fördern die Eigenständigkeit, sensibilisieren die Sinne und entsprechen dem natürlichen Betätigungsdrang des Kindes. Die Aufgabe der Erzieherinnen bestehe darin, dem Kind zu helfen, Selbstständigkeit im Denken und im Handeln zu gewinnen, seinen Willen zu entwickeln und ihm Raum für freie Entscheidungen zu geben. Dadurch ist es möglich, dass unterschiedlich schnell und intensiv arbeitende, schwache und starke, leicht behinderte und begabte Kinder gemeinsam betreut, ihre Fähigkeiten entwickelt und sie doch individuell gefördert werden können.
 Regina Herrmann ist stolz auf ihre Einrichtung. Viel wurde in den vergangenen Jahren schon erreicht. Beispielsweise gehört die Kindertagesstätte zu den wenigen, die eine eigene Sauna im Haus haben. Regelmäßig können die Kinder saunieren gehen und leisten damit einen Beitrag für ihre Gesundheit. Zum Abkühlen wird kalt geduscht oder im Winter sogar in den Schnee gesprungen. Im Ruheraum haben die Kleinen die Möglichkeit, bei einer Lichttherapie oder ruhiger Musik zu entspannen.
 Zusätzlich wird für die körperliche Entwicklung der Kinder der Kneippsche Ansatz mit den fünf Säulen Ernährung, Bewegung, Wasser, seelisches Wohlbefinden und Kräuter genutzt. Die Erzieherinnen haben dafür spezielle Kneipp-Seminare besucht. Außerdem stehen den Kindern ein Snoezel-, ein Bewegungs- und Turnraum sowie ein Video- und Musikzimmer zur Verfügung.
 Der großzügige Garten mit der großen Holzeisenbahn und dem Trampolin sowie zahlreichen anderen Spielgeräten bietet den Kindern viel Freiraum und vielfältige Möglichkeiten, ihren Bewegungsdrang zu stillen. Bei schönem Wetter wird der gesamte Tagesablauf ins Freie verlegt. Die nähere Umgebung lädt zu Exkursionen, Beobachtungsgängen und Wanderungen ein.
 Immer wieder lässt sich das Team Neues für die Kinder einfallen.  Auch mit der Technischen Universität Chemnitz wurde ein gemeinsames Projekt auf die Beine gestellt. Regelmäßig kommen Mitarbeiter der Fakultät für Informationstechnik, um den Kindern Elektrotechnik und beispielsweise das Zusammenbauen von Schaltkreisen und Arten der Energiegewinnung näher zu bringen.  
 Seit nunmehr 15 Jahren ist die Volkssolidarität Chemnitz Träger der Einrichtung. Damit sie dem Verein etwas wiedergeben können, gründeten die Erzieherinnen eine eigene Wohngruppe. Bei Kuchenbasaren und anderen Veranstaltungen wird die Volkssolidarität den Eltern vorgestellt, um auch jüngere Menschen zu einer Mitgliedschaft zu bewegen.
Mit nur wenigen Mitarbeitern ins Leben gerufen, gehören heute 47 Mitglieder der Wohngruppe an. Dennoch gestalte es sich schwierig, die Eltern langfristig als Mitglied zu gewinnen. Mit dem Ausscheiden des Kindes aus der Kindertagesstätte treten auch oft seine Eltern aus dem Verein aus. Regina Herrmann und ihr Team versuchen, alle Mitgliedschaften zu pflegen, die Mitglieder über Neuigkeiten auf dem Laufenden zu halten und jeden in das aktuelle Geschehen mit einzubinden.
 All diese vielen Aufgaben lassen sich für Regina Herrmann nur bewältigen, wenn sie sich auf ihr Team verlassen kann. Sie ist stolz auf ihre Mitarbeiter, denn sie ständen zu hundert Prozent hinter der Arbeit, dem Konzept und der Leiterin. „Wenn auch mit verschiedenen Arten und Weisen arbeiten wir immer in dieselbe Richtung. Jeder bringt etwas Besonderes, etwas Individuelles mit in das Team, was mit dem größten Nutzen in die Arbeit integriert wird. Natürlich sind wir nicht immer derselben Meinung und es werden auch kritische Gespräche geführt. Doch gerade diese sind ausschlaggebend für die Weiterentwicklung der Einrichtung. Gemeinsam wollen wir die Kinder auf ihren Wegen begleiten, sie auf das Kommende bestmöglich vorbereiten und ihnen das soziale Mit- und Füreinander mitgeben. Gemeinsam ziehen wir am selben Strang!“