Tauziehen zum Erhalt der Sprachheilschule

aus VS Aktuell 3/2017, erschienen im  VS Aktuell   VS Aktuell 3/2017   Aus der Stadtratsarbeit 

Eltern und Bürger aus Chemnitz und der umliegenden Region fordern den Erhalt der Klassenstufen 1 bis 10 an der Sprachheilschule „Ernst-Busch“ in Chemnitz, damit Schüler mit „sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich Sprache“ weiterhin an dieser Alternative zur regulären Schule ihren Haupt- oder Realschulabschluss erlangen können. Nicht nur aus Chemnitz, sondern auch aus dem Umland kommen die Schüler an die einzige Sprachheilschule in Sachsen, die bis zur zehnten Klasse führt. Der Bedarf ist groß, so dass es keine Not gibt, die Klassen auszulasten. Die Eltern wollen selbst entscheiden, wo und wie ihre Kinder lernen – und vor allem, wo sie in ihrem Sinne gut betreut werden. 

Dennoch soll nun offenbar die bewährte Bildungseinrichtung „auf Raten“ abgeschafft werden und Elternrat, Eltern und Schüler kämpfen für den Erhalt der Klassen 1 bis 10.  Chemnitzer Stadträte wurden dabei um Unterstützung gebeten. Die Fraktionsgemeinschaft VOSI/PIRATEN hatte daher Vertreter der Initiative zum Austausch eingeladen. Stadtrat Andreas Wolf-Kather hat sich zudem mit der Problematik beschäftigt und fasst zusammen: 

„Inklusion heißt der fachliche Begriff, der für eine umfängliche Teilhabe aller Menschen am öffentlichen Lebensalltag steht, insbesondere für Menschen mit körperlichen oder sonstigen Einschränkungen. Barrieren, welche für Menschen mit Behinderungen bestehen, sollen abgeschafft oder zumindest größtmöglich reduziert werden. Die Fachwelt plädiert deshalb dafür, dass Kinder mit besonderem Zuwendungsbedarf nicht mehr in ‚Sonderschulen‘, sondern in  herkömmlichen Schulklassen unterrichtet werden. Prinzipiell ist es gut, dass endlich die Umsetzung des bereits 2006 von der UN beschlossene und 2008 in Deutschland in Kraft getretene „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ verstärkt angegangen wird. Dabei darf jedoch nicht der Blick auf die Realität verloren werden. 

Gegenwärtig wird der Alltag an unseren Schulen vielerorts durch Lehrermangel und überfüllte Klassen geprägt. Häufig ergibt sich ein Ausfall von Unterrichtseinheiten. Doch der Leistungsdruck, gute Noten zu erhalten, hat Hochkonjunktur. Man muss schon fragen: Was macht das aus den Kindern, welche hier nicht mithalten können? Wie soll man sich in dieser Situation um jene Kinder mit besonderem Betreuungsbedarf kümmern, wenn sich schon das herkömmliche Schulmodell in einer Krise befindet? Von Natur aus oder durch persönliche Lebensumstände und Begebenheiten geprägt, hat jeder Mensch seine ganz individuelle ‚Ausstattung‘. In deutschen Schulen sollen Kinder im staatlichen Auftrag auf einen ‚gesellschaftsfähigen Standard‘ gebracht werden. Eltern können hierauf kaum Einfluss nehmen, sondern nur die von ‚Schulexperten‘ festgelegten Gegebenheiten staatlicher Schulpolitik akzeptieren. 

Mehr Freiraum haben zumindest die Schulen in freier Trägerschaft, in denen oft pädagogische Konzepte umgesetzt werden, die Integration und Inklusion von Schülern mit ‚sonderpädagogischen Förderbedarf‘ unterschiedlicher Art wesentlich besser ermöglichen. Diese haben es jedoch insbesondere in Sachsen nicht einfach. Sie erhalten zwar für jeden Schüler einen Zuschuss vom Freistaat, dennoch können die meisten nicht auf Schulgeld von den Eltern verzichten. So reichen bspw. die Zuwendungen für die Instandsetzung der Gebäude oft nicht aus. Während bei regulären Schulen dafür die Kommunen aufkommen, erhalten die oft gemeinnützigen Schulträger von den Gemeinden kaum Unterstützung. Zudem haben diese Schulen es schwer, ohne Abstriche an ihren pädagogischen Konzepten eine staatliche Anerkennung zu erreichen, damit sie für ihre Schüler die Prüfungen selber abnehmen können. Auch wenn an ‚Freien Schulen‘ viele Schüler mit ‚sonderpädagogischen Förderbedarf‘ erfolgreich lernen, ist der Zugang vielen Kindern zu diesen durch das notwendige Schulgeld und vor allem aufgrund begrenzter Kapazitäten nicht möglich. 

Solange freie Schulträger nicht besser unterstützt werden und solange sich die Rahmenbedingungen für Inklusion sich an regulären Schulen nicht wesentlich verbessern, kann es nicht angehen, dass unter dem Deckmantel der Inklusion die Sprachheilschule Chemnitz ‚verschlankt‘ werden soll. Eine Petition (https://tinyurl.com/y83eabuj) wurde deshalb auf den Weg gebracht. Hier stehen die Chemnitzer Stadträte in der großen Verantwortung, die Petenten zu unterstützen!“