Nein, dass esse ich nicht! – oder doch?

Kinder brauchen für ihre Entwicklung eine gesunde und ausgewogene Ernährung sowie viel Bewegung.  Dadurch lässt sich schon früh späteren Krankheiten und der Entstehung von Übergewicht vorbeugen. Hier setzt das AOK-Präventionsprogramm „Tiger Kids – Kindergarten aktiv“ an, welches Kinder spielerisch an einen gesunden Lebensstil heranführen soll. Dabei lernen sie, sich gesund zu ernähren sowie mit allen Sinnen zu begreifen und zu erfahren, wie viel Spaß regelmäßige aktive Bewegung machen kann. „Tiger Kids“ ist ein bundesweit erfolgreiches Programm, in dem derzeit etwa 4.000 Kindertagesstätten zur Bewegungs- und Ernährungserziehung teilnehmen. Das Montessori-Kinderhaus Pfiffikus gehört dazu. Schon seit längerer Zeit befasst sich die Kindertagesstätte mit der Problematik. Den Erzieherinnen ist aufgefallen, dass die Kinder unregelmäßig und oft das Falsche essen. Einige kamen schon morgens mit Süßigkeiten in die Einrichtung.
 Im September 2009 fiel der Startschuss für das Tiger-Projekt. Bereits im Februar 2009 nahm Ramona Deckert, die Projektverantwortliche, an einem zweitägigen Kurs teil, in dem man von Präventivexperten geschult wurde. Für eine erfolgreiche und nachhaltige Präventionsarbeit müssen alle aktiv eingebunden werden. Elternabende unter dem Motto „Gesunde Erzieher, gesunde Eltern und gesunde Kinder“ sollten die Eltern für dieses Thema sensibilisieren. Diese wurden mit lustigen Bewegungsspielen, welche von den Erwachsenen begeistert aufgenommen wurden, und gesunden Salaten gestaltet. Eine Ausstellung, welche „zuckerreiche Kleinigkeiten“ getauft wurde, löste bei vielen Eltern Betroffenheit aus. Sie waren entsetzt, wie viel Würfelzucker in verschiedenen Lebens- und Genussmitteln „versteckt“ sind. Spitzenreiter sind Konfitüren, Gummibärchen und Milchschnitten, aber auch Getränke wie Cola und Limonaden enthalten viel Zucker.
 Wie das Projekt umgesetzt wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Während einige Kinder schon etwas über gesunde Ernährung wissen, haben andere kaum einen Bezug zu diesem Thema. Zudem hängt die Projektgestaltung maßgeblich vom Alter der Kinder ab. Jede Gruppe der Kindertageseinrichtung hat ihre individuelle Richtung eingeschlagen, hält sich dabei aber an die Vorgaben des Präventionsprogramms. Die zwei Grundpfeiler und Ziele des Projektes sind zum einen, mehr Obst und Gemüse zu essen und dabei die Ernährung langfristig umzustellen, und zum anderen, mehr Bewegung in den Alltag einzubauen.
 Die schlaue Tigerhandpuppe und „die kleine Lok, die alles weiß“ begleiten die Kinder dabei auf ihren Lernwegen. Die Lok mit ihren sieben Lebensmittelwaggons hilft dabei, zu verdeutlichen, welche Nahrungsmittel häufig und welche nur in sehr kleinen Mengen verzehrt werden sollten. Die Waggons stellen die Ernährungspyramide anschaulich und in vereinfachter Form dar. Mit verschiedenen Spielen wird die Zuordnung der Lebensmittel geübt.  Mit der Tigerhandpuppe als Lokführer nimmt die „kleine Lok“ die Kinder auf ihre Einkaufsfahrten in die verschiedenen Geschäfte mit. Durch Kostproben erfahren sie, dass Gesundes lecker schmeckt, die Vielfalt der gesunden Lebensmittel groß ist und jedes Kind etwas finden kann, was ihm schmeckt.
 Zum gesunden Alltag gehört auch das Zubereiten von Essen. Die Kinder schälen und schneiden selbst Obst und Gemüse und bereiten leckere Salate, Suppen, Säfte und andere Köstlichkeiten zu. Sie sind stolz auf das, was sie „gekocht“ haben. Für die meisten ist es eine ganz neue Erfahrung, in Gemeinschaft Essen zuzubereiten. Daneben lernen sie auch, welche Inhaltsstoffe in den einzelnen Lebensmitteln stecken und wofür sie gut oder schlecht sind. Besondere Freude bereitet ihnen, Brot und Brötchen zu backen und die interessanten Prozesse vom Korn bis zum Brot zu verfolgen. Dabei lernen sie verschiedene Getreide- und Kornsorten kennen und zermahlen diese selbst mit den Zähnen. Auch machten die Kleinen die interessante Erfahrung, dass ein Kleber nicht immer aus der „Flinken Flasche“ kommt. Mehl und Wasser zusammengerührt ergeben einen wunderschönen, völlig ungiftigen Kleber.  
 Wie gut Selbstgemachtes schmecken kann, erfuhren die Kinder beim Zubereiten von Tee. Jede Gruppe sammelte in der Natur verschiedene Pflanzen und Blüten. So wurden aus Brennnesseln, Hagebutten, Pfefferminze und Lindenblüten köstliche Tees zubereitet. Bei einer Teeparty stellte jede Gruppe ihre Teesorte vor.  
 Durch Lieder, Reime und Bewegungsspiele kann das Gelernte vertieft werden. Schon immer gehört Sport in der Einrichtung zur Tagesordnung. Jeder Tag wird mit morgendlichen Bewegungsübungen begonnen. Im Rahmen des „Tiger Kids“-Projektes wurde ein großes Trampolin für den Garten angeschafft. Wettläufe, Weitsprünge, Kastanienweitwurf und das Nachahmen von Tierbewegungen bereiten den Kindern Spaß.
 Zusätzlich bietet das Programm die Möglichkeit, auch andere Lernbereiche mit in die tägliche Arbeit einzubeziehen. So können beispielsweise Weintrauben gezählt, addiert und wieder abgezogen werden. Aber nicht nur die Mathematik findet hier Anwendung, auch die Geografie kann mithilfe von exotischen Früchten vertieft werden. Dabei wird den Kindern beispielsweise das Land, in dem die Frucht  wächst, näher vorgestellt.
 Besonders wichtig ist der Kindertagesstätte, dass die Kinder bewusst ihre Mahlzeiten einnehmen. Eine 10-minütige Ruhephase während des Essens soll dazu dienen, sich bewusst zu machen, was man gerade isst, wie etwas schmeckt und aussieht. So können sie die verschiedensten Geschmacksnoten wie sauer, salzig und süß noch weiter vertiefen.
 Auch das „Hasenfrühstück“, bestehend aus Gemüse, Obst und Knäckebrot – damit die Zähne etwas zum knabbern haben – findet bei den Kindern großen Anklang. Der „magische Teller“, ein wichtiges Kern­element des „Tiger Kids“-Projektes, wird von den Eltern und Kindern sehr gut angenommen. Jeder bringt einmal Obst oder Gemüse mit, so dass der Teller ständig abwechslungsreich gefüllt ist. Die Kinder werden schnell daran gewöhnt, viel Obst und Gemüse zu essen und diese als Alternative zu kalorienreichen Dickmachern zu wählen.  
 Das Projekt startete erstmalig im Herbst 2007 und läuft jeweils 3 Jahre, in denen die Einrichtungen begleitet und unterstützt werden. Doch auch nach dieser Zeit wird gesunde Ernährung im Mittelpunkt der Einrichtung stehen. Die ersten Kindertagesstätten haben das Programm inzwischen erfolgreich beendet. Das Montessori-Kinderhaus Pfiffikus kann bereits eine Zwischenbilanz ziehen.
 Durch das „Tiger Kids“-Projekt sind die Kinder bewegungsfreundlicher und insgesamt agiler geworden. Sie essen bewusster und kennen sich mit gesunder Ernährung gut aus. Des Weiteren werden Geburtstage nicht wie früher mit Kuchen und Schokolade gefeiert, sondern mit Obst und Gemüse. Ihre Einstellung zu gesunder Ernährung hat sich vollkommen geändert. Das Gelernte wird auch mit nach Hause genommen. Viele berichten, dass nun auch mit den Eltern öfter frisch gekocht wird und dabei geholfen werden darf.
 Den Erzieherinnen liegt es am Herzen, den Kindern die Grundlagen für ein selbstverantwortliches und gesundheitsbewusstes Ernährungsverhalten im späteren Leben mit auf den Weg zu geben. Lernen durch Erleben ist dabei das Motto im Montessori-Kinderhaus Pfiffikus.

aus VS Aktuell 4/2010, erschienen im  VS Aktuell 4/2010   Betreuung von Kindern