Stefan Seidel

Der Umgang mit Bohrmaschine, Akkuschrauber, Tapezierbürste und vielen anderen Werkzeugen ist ihm vertraut. Am Computer entwirft er Veranstaltungspläne, Einladungen und Glückwunschschreiben, aufgelockert mit farbigen Bildern der Stadt. Seinem Keyboard entlockt er heitere und besinnliche Melodien, entsprechend dem Motto der jeweiligen Veranstaltung. Ja, Stefan Seidel, Leiter der Wohngruppe 003 im Chemnitzer Zentrum, hat goldene Hände.
 Solche sind nicht angeboren. Aber Begeisterung für Technik und die Annahme vieler verschiedener Arbeiten haben sie geformt. Nach der zehnten Klasse hat der aus Glauchau Stammende im Karl-Marx-Städter Rohr- und Kaltwalzwerk von 1967 bis 1969 den Beruf des Maschinenbauers erlernt. Danach diente er bis 1972 bei den Fliegern als Bordmechaniker. Anschließend arbeitete er wieder in seiner Ausbildungsfirma, half dann von 1974 an den Stammbetrieb des Werkzeugmaschinenkombinates „Fritz Heckert“ aufzubauen. Aus gesundheitlichen Gründen wechselte er 1983 zur Stahlgießerei im Stadtteil Borna. Bis 1987 war er dort als Kranführer tätig. Seine letzte Arbeitsstelle fand Stefan Seidel 1988 bei der Stadtverwaltung. Die setzte ihn schließlich in der Comenius-Schule, der jetzigen Sport-Mittelschule, als Hausmeister ein. In dieser Funktion sind bekanntlich viele Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie gehöriges Organisations- und Improvisationstalent gefragt. Nicht zu vergessen, die Liebe zu den jungen Menschen.
 An diesem Punkt kommt der vorherige Leiter der Wohngruppe, Hein Spitzner, ins Spiel. Der kennt den jetzigen Schulhausmeister, der erst Ende Januar 2011 in Rente geht, aus dessen früherer ehrenamtlicher Arbeit mit Jugendlichen bei „Heckerts“. Einige Jahre aus den Augen verloren, trafen sich beide in Spitzners Wohnhaus, Zwickauer Straße, wieder, wohin Stefan im Jahre 2002 mit seiner Familie gezogen war. Nun frischten sie ihre Bekanntschaft auf. Dann brauchte der Ältere nicht lange, um ihn für die Volkssolidarität zu gewinnen. Noch im September wurde Stefan Seidel Mitglied und zwar ein engagiertes. Bald übernahm er die Funktion eines Volkshelfers. Seine Gruppe betreut er heute noch. Sie umfasst inzwischen 18 Leute. Im November 2006 nahm er die nächste Aufgabe an:  Mitglied der Wohngruppenleitung, zuständig für Reisen. Eng arbeitete er dabei mit dem hiesigen Reisebüro der Volkssolidarität zusammen und half mit, viele schöne Ausflüge zu organisieren. Da ging es unter anderem zum Besuch des MDR nach Leipzig, zur Raumfahrtausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz und in die Clara-Zentkin-Gedenkstätte Wiederau.
 Mit dem Keyboard agiert er bei Wohngruppenfesten, wie zum 65. Jahrestag der „Soli“ am 3. November im „Treff am Rosenhof“ sowie bei Lesenachmittagen im Bürgerhaus Rosenhof 18, wohin er gute Kontakte pflegt. Oft treffen sich hier mehrere Mitglieder.
 Als Hein Spitzner im Herbst 2008 auf den Generationswechsel in der Leitung drängte, hatte er Stefan Seidel als seinen Nachfolger im Auge. Und der bringt seine ganze Persönlichkeit ein. So führt er seitdem eine Chronik über die Wohngruppe. Den Computer nutzt er auch für Protokolle zur Information des eigenen Vorstandes und des Stadtvorstandes. Außerdem hat er die Verbindung der Comenius-Grundschule zu „seinem Verein“  hergestellt. Schüler der 3. und 4. Klassen gestalteten schon fröhliche Programme vor den Mitgliedern.
      Seine charakteristische Seite ist jedoch die Nachbarschaftshilfe, wie Stadtrat Andreas Wolf (und nicht nur der) einschätzt. Dazu sagt Stefan selbst: „Von klein auf weiß ich, wie es ist, wenn ältere Menschen Hilfe brauchen.“ Er war erst elf Jahre, als sein Vater, ein Wismutkumpel, verstarb. Wegen der Krankheit der Mutter hatte der Junge bereits mit 14 für beide fast den ganzen Haushalt zu führen. Dabei half er aber noch älteren Hausnachbarn. Und das hat ihn geprägt. Er muss einfach andere Menschen unterstützen. So brachte er bei Helga Naumann aus der Wohngruppe den Geruchverschluss des Bad-Waschbeckens in Ordnung. Bei Gisela Harnisch befestigte er ei-nen Wäschetrockner an der Wand. „Kleinigkeiten“, sagt er. Aber für die älteren Frauen eine wichtige Hilfe. Die beiden sind nicht die einzigen im Stadtzentrum, die ihn wegen seines Zupackens freundlich grüßen, wenn sie ihn sehen. „Das Dankeschön von ihnen ist mir mehr wert als ein Zehn-Euro-Schein“, meint der Wohngruppenleiter dazu. Er hat jedoch ebenso vielen Leuten geholfen, die nicht Mitglied der Volkssolidarität waren. So gestaltete er bei Renate Schmitt in der Mühlenstraße die Wohnung mit um, damit sie ihre kranke Mutter besser pflegen konnte. Dabei ergaben sich etliche Gespräche über das Leben in der Wohngruppe. Als die Umgestaltung beendet war, hatte Stefan ein neues Mitglied gewonnen. Ähnlich ging es mit vielen anderen. Von 2008 bis Anfang Oktober dieses Jahres waren es 32 Leute, die durch ihn den Weg zur „Soli“ gefunden haben. Dafür bekam er auf der Festveranstaltung des Stadtverbandes zum 65. Jahrestag eine Ehrenurkunde. Mit der Nachbarschaftshilfe wie mit dem Werben ist er jedoch noch lange nicht am Ende, wie er versichert.

aus VS Aktuell 4/2010, erschienen im  VS Aktuell 4/2010   Im Ehrenamt vorgestellt