Geschäfts- und Flaniermeile Theaterstraße

Das derzeit viel- und kontrovers diskutierte Konzept zur Umgestaltung der Theaterstraße zum „grünen Cityring“ soll dieses Mal Anlass sein, der Theaterstraße und ihrer Entwicklung einmal unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Die im Halbbogen vom Falkeplatz zum Johannisplatz verlaufende Verkehrsverbindung verdankt ihre Entstehung dem Bedeutungsverlust der mittelalterlichen Stadtbefestigung an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert. Zum einen wurde diese durch die Entwicklung des Militärwesens überflüssig, zum anderen drängte die „Ökonomie“ nach außen und sprengte die starren Grenzen der Stadt. Und so erfolgte, nachdem die Festungswerke 1806 vom Staat an die Stadt übergeben worden waren, schrittweise der Abriss der Stadttore und der Stadtmauern sowie die Einebnung des Stadtgrabens. Seinem Verlauf folgend wurde die Straße „Auf dem Klostergraben“ angelegt, die dann 1860 in Theaterstraße umbenannt wurde. Sie entwickelte sich in der Folge zu einer bedeutenden Geschäfts- und Flaniermeile unserer Stadt.

Zum Namenspatron wurde das erste eigenständige Stadttheater mit etwa 900 Zuschauerplätzen, das sich ungefähr dort befand, wo heute die Innere Klosterstraße mündet. Es wurde am 7. Februar 1838 mit dem eigens für diesen Anlass geschaffenen Weihespiel „Des Fluches Lösung“ – „schlicht außen, im Innern aber glänzend ausgestattet“ – eröffnet. Ein zeitgenössischer Bildband beschreibt das Theater so: „Unser Bild gibt hinlänglich die edlen Verhältnisse des Gebäudes zu erkennen, welches von den Meistern Heinig und Erler erbaut ist. Die Gelder wurden dazu in den Jahren 1836 bis 1838 durch Aktien aufgebracht und dafür das Haus samt inneren Ausbau hergestellt.“ Hier gastierten seinerzeit berühmte Hofschauspieler wie die Sängerin Schröder-Devrient. Gast des Hauses war auch Albert Lortzing. Nach der Eröffnung des Opernhauses im Jahre 1909 erhielt das nunmehr Alte Stadttheater die Funktion des Schauspielhauses von Chemnitz. Mitte 1944 wurde es im Zuge der „totalen Kriegsführung“ des NS-Staates geschlossen. Beim Luftangriff auf Chemnitz im März 1945 zerstört, wurden die Ruinen des Schauspielhauses im Jahre 1950 abgebrochen und das Terrain neubebaut.

Überdies entstanden zahlreiche Einrichtungen mit Gesellschaftscharakter auf der Theaterstraße. Seit 1821 waren hier Treffpunkt und Vergnügungsstätte der Chemnitzer großbürgerlichen Kreise – das Gesellschaftshaus „casino“. Zehn Jahre später, am 15.August 1831, wurde hier die erste Chemnitzer Bürgerschule eröffnet. Ab 1893 waren in ihren Räumlichkeiten die Stadtbibliothek untergebracht. Von 1750 bis 1756 wurde hier die St. Pauli-Kirche als erster protestantischer Kirchenbau in Chemnitz errichtet. Beim Luftangriff am 5. März 1945 brannte er vollständig aus. Seine Ruinen wurden am 15. April 1961 gesprengt. Unter die öffentlichen Einrichtungen ist noch eine kleine Parkanlage einzuordnen, auf der sich eine zehn Meter hohe von einer Siegesgöttin bekrönte Säule erhob, die an den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erinnern sollte. Als Symbol des Militarismus wurde sie 1947 niedergelegt.

Von den Unternehmen, die auf der Theaterstraße ihren Standort gewählt hatten, seien stellvertretend nur der Verlags- und Druckereikomplex von J. C. F. Pickenhain & Sohn – Herausgeber des „Chemnitzer Tageblattes und Anzeigers“ und des „Adressbuches der Industrie- und Handelsstadt Chemnitz“ und die weithin bekannte Geschäftspapierdruckerei und -großhandlung von Alexander Wiede genannt. Zudem befanden sich hier das 1911/1912 von Stadtbaurat Richard Möbius erbaute Verwaltungsgebäude und die Umformstation der Städtischen Elektrizitätswerke. Dieses Objekt wird derzeit zu einer innerstädtischen Jugendherberge mit 132 Betten umgebaut. Im Bereich der Theaterstraße waren mehr als einhundert (!) Geschäfte und Einrichtungen angesiedelt. An eines davon soll davon besonders erinnert werden, weil sein Inhaber zum Wegbereiter moderner Foto- und Filmtechnik in Deutschland wurde. In der Theaterstraße 22 hatte das Fotoatelier von Clemens Seeber, der „die Bilder das Laufen lehrte“, seinen Sitz.

Und natürlich fehlte es auch nicht an Gastronomie. Dafür seien nur beispielhaft Cafe Kunze, Gerichtsschänke, Theaterkaffee und die Gastwirtschaft „Goldener Helm“ angeführt. Von 1951 bis 1991 trug die Theaterstraße den Namen Wilhelm-Pieck-Straße.

aus VS Aktuell 4/2011, erschienen im  VS Aktuell 4/2011   Aus der Stadtgeschichte