Die historische Merkwürdigkeit von Schwarzenberg von Klaus Müller

aus VS Aktuell 1/2020, erschienen im  VS Aktuell 1/2020 

Eine Merkwürdigkeit ist ein Ereignis oder eine Tatsache des Merkens würdig. In der Geschichte der Erzgebirgsstadt Schwarzenberg ist das zum Beispiel nach dem Ende des Hitler-Regimes vor 75 Jahren die unbesetzte Zeit von etwa sieben Wochen im Mai und Juni 1945. Beherzte Antifaschisten hatten damals nicht abgewartet, bis einer der Sieger, gestützt auf militärische Macht, eine neue Ordnung durchsetzte. Sie hatten die bisherige Nazi-Verwaltung abgesetzt und die Verantwortung für einen demokratischen Neubeginn übernommen.

Spannung liegt über dem Zwangsarbeiterlager „Rote Mühle“ am Rande von Schwarzenberg in Richtung Aue, als der 12. Mai des Jahres 1945 anbricht. Frauen und Männer aus sieben Nationen wurden von den Nazis hierher verschleppt, um in verschiedenen Betrieben zu schuften. Etwa 1.000 bis 1.500, darunter 700 aus der Sowjetunion und 200 aus Frankreich, hausen in Baracken auf einem Gelände von rund fünf Hektar. Schon seit ein paar Tagen müssen die Leute nicht mehr zur Arbeit. Auch zu ihnen sind inzwischen Informationen durchgesickert, dass der Krieg zu Ende ist, das faschistische Reich vor den Alliierten kapituliert hat.
Gegen sechs Uhr hält an diesem Sonnabend auf der Straße oberhalb des Lagers ein Lkw mit einem Dutzend bewaffneter Männer. Die tragen weiße Armbinden. Drei von ihnen kommen zum großen eisernen Eingangstor und wenden sich an die Grüppchen, die zwischen den Baracken stehen. Der mittlere von den Dreien, ein kleiner, schlanker Dunkelhaariger, verlangt den Lagerleiter und die Dolmetscher zu holen. Diesen erklärt er dann laut und deutlich: „Antifaschisten haben gestern in Schwarzenberg die Macht übernommen. Ab sofort erhalten Sie alle die gleiche Lebensmittelration wie die deutsche Bevölkerung. Wir schlagen Ihnen vor, zur Verwaltung der Lebensmittelbestände des Lagers eine Kommission zu bilden. Wir bemühen uns, Sie so bald wie möglich in Ihre Heimatländer zurückzubringen. Wir erwarten von allen Personen im Lager Besonnenheit und, wenn nötig, Unterstützung.“

Nachdem diese Worte übersetzt sind, bricht unter den Ausländern, die sich inzwischen fast alle auf der Lagerstraße versammelt haben, Jubel aus. Mit ihrem Auftritt zufrieden gehen die drei Männer wieder zum Auto, das jetzt mit ihnen Richtung Stadt fährt.

„Antifaschisten haben in Schwarzenberg die Macht übernommen“ – für die Zwangsarbeiter ein Zauberwort. Für die sechs Mitglieder des Antifaschistischen Aktionsausschusses, der sich am Morgen dieses 12. Mai eben erst konstituierte, bedeutete das die Übernahme einer gewaltigen Verantwortung. Am Vortag hatten sich etwa zwei Dutzend Kommunisten, Sozialdemokraten und parteilose Nazigegner in der Nähe von Bermsgrün, unweit der Kreisstadt, getroffen und beraten, wie der alte Verwaltungsapparat zu entmachten sei. Gleich nach der Beratung gingen sie daran, Arbeiter für eine antifaschistische Polizei zu gewinnen. Ihnen war klar, dass sie ein eigenes Machtorgan brauchten, wollten sie die bisherige Ordnung stürzen und gleichzeitig für die Bürger Sicherheit gewährleisten, Plünderungen und Chaos verhindern. Erstaunlicherweise ist das damals recht schnell gelungen. Zwischen 70 und 100 Leute erklärten sich in kurzer Zeit für diese wichtige Aufgabe bereit.

Im Frühjahr 1985 habe ich mich mit dem Schwarzenberger Paul Korb am „Roten Mühlenweg“ getroffen, wo sich gleich nebenan das Zwangsarbeiterlager befunden hat. Paul leitete an jenem denkwürdigen Sonnabend im Mai das antifaschistische Kommando. Bei unserer Begegnung schon über 80, war er das letzte lebende Mitglied des Aktionsausschusses. Er erinnerte sich noch gut an das Wirken des Gremiums, als sei es eben erst passiert. Aus seinem Bericht und verschiedenen schriftlichen Unterlagen hat sich mir für die Zeit ab Mitte Mai 1945 folgender Überblick über die damalige Situation ergeben.

Aus irgendeinem seltsamen Grund war der Landkreis Schwarzenberg, zu dem die Städte Johanngeorgenstadt, Aue, Schneeberg und an die zwanzig kleinere Gemeinden gehörten, durch keine Siegermacht besetzt worden. Immerhin ein Gebiet von 520 Quadratkilometern. Sowjetische Truppen standen am 8. Mai in Annaberg und hatten dort ihre Kommandantur errichtet. Die Amerikaner waren in Zwickau. Ihre Sperre befand sich bei Hartenstein. Niemand wusste, wann die einen oder die anderen im Kreis einrücken würden. Der Aktionsausschuss, der gleich nach der kurzen Episode am Zwangsarbeiterlager im Rathaus zusammentrat, wählte Willi Krause (KPD) zum Vorsitzenden und bestimmte Willy Irmisch (KPD) zum Bürgermeister, erinnerte sich mein Begleiter. Irmisch hatte schon vor 1933 dem Schwarzenberger Stadtrat angehört. Paul wusste auch noch, dass der ehemalige Nazibürgermeister Dr. Rietzsch in die Sitzung hineinplatzte und irgendwelche Anweisungen geben wollte. Da sei er jedoch an die Falschen geraten. Krause und Irmisch ließen ihn abblitzen und erteilten ihm Hausverbot. Danach seien die weiteren Aufgabenbereiche verteilt worden. Hermann Schlemmer (SPD) und Paul Korb (KPD) übernahmen Verantwortung für die neue Polizei. Das Ausschussmitglied Helene Pabst (später Scheffler/KPD) war nun für Ernährungsfragen zuständig. Die Lebensmittelversorgung war jetzt die dringendste Aufgabe. Zu den Einheimischen kamen Evakuierte, Flüchtlinge, Verwundete in verschiedenen Hilfslazaretten, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene hinzu. So war die Bevölkerung des Kreises mit fast 300.000 doppelt so groß wie vor dem Krieg.

Im Auftrag des Antifaschistischen Aktionsausschusses räumte die neue Polizei Hamsterlager bei verschiedenen Unternehmern und Nazifunktionären. Sie leerte auch das große Lager im Dorfhaus von Tellerhäuser am Fichtelberg. Das hatte NSDAP-Gauleiter Mutschmann für sich und seine Leute in Voraussicht auf das Ende des Regimes anlegen lassen. Nun kamen einige Lkw-Ladungen Lebensmittelkonserven den Bürgern von Schwarzenberg zugute.

Außerdem setzte der Ausschuss alles daran, dass vor allem in den Metallbetrieben nun die Friedensproduktion aufgenommen wurde. Anstatt Kartuschen und Flugzeugteile wurden wieder Haushalts- und Landwirtschaftsgeräte hergestellt. Die wurden in sowjetisch besetzten Kreisen wie Oschatz und Döbeln, aber auch im amerikanisch besetzten Thüringen gegen Lebensmittel getauscht. Die Passierscheine für diese Kreise besorgte der Ausschuss von den jeweiligen Kommandanturen. Bei Verhandlungen mit den sowjetischen Militärbehörden erreichten Willy Irmisch und Paul Korb außerdem, dass gegen Ende Mai bereits der erste Zug mit ehemaligen sowjetischen und polnischen Zwangsarbeitern von Schwarzenberg in deren Heimat abfuhr.

Der Sozialdemokrat Georg Schieck hatte die Zusammenarbeit des Schwarzenberger Ausschusses mit ähnlichen Gruppen, die sich in anderen Orten des Kreises bildeten, zu koordinieren. Schließlich gingen von der Kreisstadt die wichtigsten Impulse aus. Für die Leitung des Hauptpostamtes, des Elektrizitätswerkes, des Bahnhofes und anderer bedeutender Einrichtungen und Betriebe setzte der Ausschuss zuverlässige Leute ein, die keine Nazis gewesen sind.

Als notwendig erachtete das Gremium auch das Zusammentragen von Waffen und Kriegsgerät der Wehrmacht. Weggeworfen in den Wäldern um die Stadt oder hier und dort eingelagert, wurde vieles gefunden. Die Antifa-Polizei übergab der Sowjetarmee unter anderem in dieser Zeit 2.101 Infanteriegewehre, 110 Maschinengewehre und Maschinenpistolen, zehn Millionen Schuss Infanteriemunition, fünf Geschütze sowie zahlreiche Granaten und Panzerfäuste.

Auf Grund der Bekanntmachung alliierter Vereinbarungen zogen sich schließlich die US-Truppen im Juni 1945 aus Sachsen und Thüringen zurück, besetzten sowjetische Einheiten am 26. Juni nun den Kreis Schwarzenberg. Wenn im Mai vielerorts des 75. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus gedacht wird, sollte auch an den Antifaschistischen Aktionsausschuss von Schwarzenberg erinnert werden – eine Tatsache des Merkens würdig.