Motorloser Luftaufstieg

aus VS Aktuell 1/2020, erschienen im  VS Aktuell 1/2020   Aus der Stadtgeschichte 

Aus der Chemnitzer Segelflughistorie

Der Segelflug ist eine Etappe in der Entwicklung des Flugsportes, die heute kaum noch bekannt ist. Dabei war sie für viele Jahre ein attraktives Betätigungsfeld Luftfahrtbegeisterter, jüngerer, aber auch noch so manch älterer. Mit der Entdeckung der Thermik, der aufwärtsgerichteten Warmluftbewegung im 20. Jahrhundert, trat eine neue Luftsportdisziplin ins Leben: der motorlose Gleitflug. Dabei wurden die Gleiter unter Nutzung atmosphärischer Aufwindquellen von Luftströmungen getragen.

Die erste Gruppe für Segelflug entstand im Januar 1928 im Chemnitzer Verein für Luftfahrt und Flugwesen, aber sie erlangte bis auf eine Mitwirkung bei der Organisation von Flugveranstaltungen keine besondere Bedeutung. Diese Rolle kam der am 19. September 1928 an der Staatlichen Akademie für Technik gegründete Akademischen Fliegergruppe (Akaflieg) zu. Im Zuge der Gleichschaltung nach der NS-Machtergreifung wurde sie dank ihrer beispielgebenden Leistungen mit herausragenden Ergebnissen als Flugtechnische Fachgruppe der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) angegliedert. Ein ganz besonderes Gewicht für den Segelflug im Chemnitzer Raum erlangte der am 20. April 1935 gegründete Fliegertrupp Adelsberg mit seinem an der Stadtgrenze zu Chemnitz gelegenen Flugstützpunkt bei dem bekannten Gasthof „Scheere“, Augustusburger Straße.

Die Segelflugzeuge entstanden mittels Eigenbau in segeltuchbespannter Holzbauweise mit Stahlrohrfachwerk unter oft primitiven Bedingungen für den Bau. So stand der Akaflieg dafür zuerst ein Keller in einem Institutsobjekt der Staatlichen Akademie für Technik, später dann Räumlichkeiten in einem stillgelegten Fabrikgebäude auf dem Brühl für ihr Wirken zur Verfügung. Dazu kam, dass auch oftmals die finanziellen Mittel für die Anschaffung von Werkzeugen und Material fehlten und nur durch Spenden aufgebracht werden konnten. Erst im Zuge der Kriegsvorbereitungen wurde auf dem Chemnitzer Flugplatz an der Stollberger Straße eine Halle für Segelflugzeuge zusammen mit einer regulären Reparaturwerkstatt, Unterrichtsraum und Strömungslabor für wissenschaftliche Untersuchungen eingerichtet. Das Richtfest für das neue Objekt zur Vorbereitung von Jugendlichen auf dem Dienst in der Luftwaffe erfolgte am 12. November 1938.
Der Start der Segelflugzeuge erfolgte zuerst manuell durch Muskelkraft. Eine Haltemannschaft hielt das Flugzeug an seinem „Schwanz“ fest, während die Zugmannschaft „v-förmig nach vorn auslaufend“ mit einem starken Gummiseil den erforderlichen Zug zum Start ermöglichte. Auf das Kommando „Ausziehen, Los!“ schnellte das Flugzeug wie von einem Katapult abgeschossen in die Luft. Später erfolgte der Start mit Motorwinde, Kfz und Motorflugzeug. Übungs-Trainingsgelände waren zunächst geeignete Hänge bei Schwarzenberg und Raschau, die von den Chemnitzer Segelflugsportlern genutzt wurden. Ab 1940 dann diente dem Chemnitzer Segelfliegersturm des NS Fliegerkops die Segelfluganlage Adelsberg mit dem sich ostwärts von Euba hinziehenden Steilhang als Ausbildungs- und Übungsstätte, die vorrangig der Vorbereitung Jugendlicher auf dem Dienst bei der Luftwaffe diente.

Zu den Pionieren der Entwicklung des Segelflugs in Chemnitz zählten die Fluglehrer Paul Knorr und Paul Grimmer, die Konstrukteure von Leichtflugzeugen, Motorseglern und Hochleistungsseglern, Herbert Gropp und Hans Wünscher und der Spitzenpilot Wolfgang Späte. Chemnitz verzeichnet im Segelfluggeschehen auch eine ganze Reihe besonderer Ereignisse. So erfolgte im Rahmen einer Großveranstaltung auf dem Flugplatz am 26. Mai 1929 die Vorführung der Welteinmaligen Leistung des gleichzeitigen Schlepps von zwei Segelflugzeugen durch ein von Dr. Guttmann geflogenes Motorflugzeug. Am 7. Dezember 1930 erfolgte die Weihe der ersten beiden von der Akaflieg selbstgebauten Schulgleiter vom Typ „Zögling“ auf die Namen „Stadtrat Burger“ und „Zaunkönig“. Erstmals kreiste am 16. Juli 1931 über unserer Stadt direkt ein vom Weltrekord-Segelflieger Wolf Hirth geflogenes Segelflugzeug. Beim Großflugtag am 2. Juli 1933 erlebten die 40.000 Zuschauer erstmals Segelflug-Schleppstarts mit Auto und Motorflugzeug. Nur einen Monat später, am 7. August 1933, erfolgte von Chemnitz aus eine Segelflugverfolgung mit dem Bund Deutscher Radfahrer. Ab Mitte August 1933 nahm Wolfgang Späthe am Reichswettbewerb für Segelflug auf der Wasserkuppe/Röhn teil. Dabei erkämpfte er sich beim 16. Röhnwettbewerb 1935 in der Gesamtwertung den Vizemeistertitel. Anschließend vollbrachte er am 27. Juli 1935 eine beispielhafte Leistung. Von der Wasserkuppe aus legte er nach 250-km-Zielflug nach Chemnitz eine glatte Landung hin.

Der Alliierte Kontrollrat legte Deutschland nach 1945 ein totales Flugverbot auf. Erst nach dessen Aufhebung wurde mit der Gründung der GST 1952 der Segelflugsport als eigenständige Sektion auf dem Flugplatzterrain an der Stollberger Straße wiederbelebt. Einen besonderen Höhepunkt bildete dabei der „Tag des Segelfliegers“ am 26. Oktober 1952. Nach mehr als zehnjähriger Zwangspause zeigten die erfolgreichsten Segelflieger der DDR, damals noch mit sowjetischen Schlepp-Piloten, vor der außergewöhnlich großen Zuschauerkulisse ihr fliegerisches Können. Doch der Segelflug war dennoch nur ein kurzes Intermezzo. Denn mit der Errichtung des Neubau-Wohngebietes „Fritz Heckert“ kam für Chemnitz und auch entwicklungsbedingt auch für den Segelflug das endgültige Aus.


Quellen:
Seifert, Karl-Dieter: Die Chemnitzer Akademie und ihre Flugzeuge 1910-1945, Berlin 2011; Lemke, Frank-Dieter: Stationen eines deutschen Luftfahrtingenieurs, Berlin 2015; Adelsberger Heimat- und Stadtteilzeitung, Januar/Februar 2018, März/April 2018