Werner Ihle

aus VS Aktuell 1/2008, erschienen im  VS Aktuell 1/2008   Im Ehrenamt vorgestellt 

„Wu de Walder haamlich rauschen, wu de Haad so rötlich blüht...“ – harmonische Akkordeonklänge und der Gesang älterer Menschen – vorwiegend Frauenstimmen – füllen den Raum. Alle Anwesenden haben eine Tasse Tee vor sich auf dem Tisch, verschiedene Sorten – Tee-Mittwoch im Senioren-Treff der Bruno-Granz- Straße 70a. Flink gleiten die Finger des Musikers über die Tasten und Knöpfe seines Instruments. Vom erzgebirgischen Heimatlied geht es zum „Brunnen vor dem Tore“ und zum See, über den „mit einer hölzern‘n Wurzel“ ohne Ruder gefahren wird. Ganz ohne Noten zaubert Werner Ihle aus seiner Harmonika immer wieder neue Melodien hervor. „Frohem Sinn fehlt‘s nicht an Liedern“, sagt ein Sprichwort. Ja, fröhlich ist die ganze Gesellschaft, die sich einen Mittwochs-Tee ohne Musik von Werner schon lange nicht mehr vorstellen mag. Aber auch zu anderen Gelegenheiten wie runde Geburtstage, bunte Nachmittage oder Weinfeste spielt er auf. „Ich freue mich, wenn ich den Leuten eine Freude machen kann, gerade mit den einfachen Sachen“, ist seine Devise. Das gilt für das altersgerechte Haus im Heckert- Gebiet, in das er 1995 nach dem Tod seiner Frau Helga eingezogen ist, ebenso wie für die Wohngruppe 035 in Harthau, die er seit 1992 leitet. Trotz des Wohnungswechsels zieht es ihn immer wieder dorthin, weil er alle Mitglieder schon sehr lange kennt, auch weil er in Harthau seinen Garten hat, in dem er Entspannung findet und weil ihn noch vieles mit diesem Ortsteil verbindet. „Der Werner hat schon zu DDR-Zeiten hier immer etwas organisiert“, weiß Christa Baumert, die Revisorin der Wohngruppe. Nicht ohne Stolz erinnert er sich an sein Wirken als Vorsitzender eines Harthauer Wohnbezirksausschusses der Nationalen Front von 1965 an. Mehr als 80 Veranstaltungen hat er dort organisiert, vom Fasching über Frauentag und 1. Mai bis zu Winzerfesten und Wohngebiets- Silvester. Als zum eisigen Jahreswechsel 1978/79 der Strom ausgefallen war, so dass die Band mit ihren elektronischen Geräten nicht spielen konnte, haben auf seinen Vorschlag hin viele Gäste Kerzen geholt, er sein Akkordeon, ein anderer seine Gitarre, und weiter ist es gegangen bei toller Stimmung bis 04.00 Uhr morgens. „Mit seiner Ziehharmonika ist er verheiratet“, urteilt Christa Baumert. Auch der 32jährige Andreas Wolf von der Geschäftsstelle des Stadtverbandes, der Werner seit März 2005 aus gemeinsamem Wirken in der Volkssolidarität kennt, schätzt den Willen des erfahrenen Mannes, die Geselligkeit im Hause zu fordern, mit seinem Instrument die Herzen der Mitmenschen zu erobern. Dabei war niemand in Ihles Familie musikalisch. Bei den Großeltern im erzgebirgischen Rübenau (Kreis Marienberg) aufgewachsen, machte ein Harmonium-Spieler, der die Bockbierfeste in Opas Wirtshaus mit seinen Liedern würzte, auf das musikalische Interesse des Knaben aufmerksam. Stundenlang konnte Werner dessen Spiel lauschen. „Alwin“, sagte der Musikant zum Großvater, „kaaf dem Gung zum Geburtstag ne Harmoni !“ Und so bekam Werner mit fünf Jahren sein erstes Instrument. Das war 1929. Es wurde eine Liebe, die ihn bis heute, da er mit seinem 21. Akkordeon aufspielt, nicht verlassen hat. Eine Zwangspause hat es aber doch gegeben, ab Ende März 1942. Gerade hatte er die Prüfung zum Kaufmannsgehilfen bei einer Eisen-und Stahlwarenhandlung in Olbernhau gut bestanden, musste er zum Reichsarbeitsdienst und anschließend zur Wehrmacht. Nach Hause kehrte er aus französischer Gefangenschaft erst im Februar 1948zurück. Arbeit fand er zunächst als Transportarbeiter in der Chemnitzer Fettchemie. Hier kamen auch seine guten organisatorischen Fähigkeiten zum Tragen. So leitete er von 1958 bis 1963 das Kinderferienlager des Betriebes und vermittelte dabei den Mädchen und Jungen viel von seiner Natur- und Heimatverbundenheit. Aus gesundheitlichen Gründen wechselte er 1963 zum Harthauer Zentrallager der SD AG Wismut, wo er bis zur Rente 1989 beschäftigt war. Die vielseitige ehrenamtliche Arbeit, die er schon während seiner Berufstätigkeit leistete, hat ihn jedoch auch als Rentner nicht ruhen lassen. So hat er nicht nur viele Gesellschaften mit seiner Musik unterhalten. Als Wanderleiter führte er die Mitglieder seiner Wohngruppe und vor allem viele Hausbewohner der Bruno-Granz-Straße 70a durch die Umgebung von Chemnitz, ja bis zur Besenschänke bei Burkhardtsdorf. Von seinen Talenten zeugen auch die Chroniken, die er für die Wohngruppe und sein jetziges Zuhause angelegt hat. Seine Hilfsbereitschaft und Zuverlässigkeit schätzt die heutige Leiterin der Beratungsstelle der Volkssolidarität, Regine Kühnel, sehr: „Bei Werner Ihle weiß ich, hier ist jemand da, der hilft und von dem ich mir einen Rat holen kann.“