Wenn im Schnee der Tourenplan verrutscht

Seit 20 Jahren sind die Mitarbeiter der Sozialstationen bei Wind und Wetter für ihre Patienten unterwegs.

„Während nicht mal Busse, Bahnen oder Taxis fuhren, mussten wir trotzdem raus“, berichtet Schwester Anett. Die Mitarbeiterin der Sozialstation Clausstraße, eine der vier ambulanten Pflegedienste des Volkssolidarität Stadtverband Chemnitz e.V. in Chemnitz und in Mittweida, zählt zu einer der Berufsgruppen, die im vergangenen Winter auf eine besonders harte Probe gestellt worden sind. Der viele Schnee, vereiste Straßen und begrenzte Parkmöglichkeiten erschwerten die Arbeitsbedingungen enorm. „Zum Glück gibt es viele hilfsbereite Passanten, die einen dann doch mal aus der Parklücke geholfen haben. Doch die Angst, nicht zu wissen, wo man beim nächsten Patienten parken kann, und die verengten Fahrbahnen stellten uns vor große Herausforderungen,“ erinnert sich Anett. „Die noch schnell angeschafften Schneeketten haben uns dabei sehr geholfen.“
 Verspätungen blieben nicht aus. Patienten und Angehörige wurden jedoch im Vorfeld über mögliche Verzögerungen informiert und zeigten oft Verständnis. „Lieber fünf Minuten zu spät, als gar nicht beim Patienten ankommen“, lautete das Motto der Mitarbeiter. Dass sie untereinander zusammenhalten und helfen, wurde in diesem Winter besonders bewiesen. Steckte ein Auto im Schnee fest und half niemand vor Ort, reichte ein Anruf bei den Kollegen und schon war Hilfe da. In der Sozialstation wartete dann heißer Tee auf die durchgefrorenen Schwestern.
 Der Winter ist noch nicht ganz vorbei, doch bereits jetzt hoffen die Kollegen, dass der nächste nicht so hart wird. Das wäre dann der 20. Winter, den die Sozialstation besteht. Gemeinsam mit den Einrichtungen in der Scheffelstraße und der Limbacher Straße (ehemals Horst-Menzel-Straße) wurde sie im Februar 1991 eröffnet (1998 folgte eine Sozialstation in Mittweida).
 Damals wurden die ersten Räume in einem baufälligen Gebäude auf der Lerchenstraße eingerichtet. In einfachen Verhältnissen, mit nur einer Schwester und einigen Hauswirtschafterinnen aus den ehemaligen Hauswirtschaftsbrigaden der Volkssolidarität nahm die Sozialstation ihre Arbeit auf.
 Zunächst mussten Patienten gefunden werden, die Pflege benötigen. Nach ersten Aktendurchsichten, mühevollen Recherchen und Nachforschungen nach ehemaligen Betreuten der Hauswirtschaft konnte mit vier Patienten begonnen werden. Die Vorstellung der Sozialstation mit ihren Leistungen bei Krankenkassen und Ärzten gehörte zu den wichtigsten Aufgaben in den ersten Monaten. Viel Optimismus war bei diesem schweren Anfang notwendig.
 Auch Ausdauer und Muskelkraft waren gefragt. Busse und Straßenbahnen erwiesen sich als Transportmittel schnell als zu umständlich und so wurde aufs Fahrrad umgestiegen. Schon damals verlangte das Winterwetter den Mitarbeitern viel ab. Bei klirrender Kälte, mit dicker Jacke und Pudelmütze auf dem Kopf ging es mit dem Rad bis nach Draisdorf und ins Flemminggebiet. Die Mühen hatten sich gelohnt, im Sommer konnte eine zweite Schwester in das Team aufgenommen werden und fortan wuchsen sowohl die Mitarbeiter- als auch Patientenzahlen stetig an. Durch eine Förderung des Sächsischen Staatsministeriums konnten zwei Autos gekauft werden, welche die Arbeit wesentlich erleichterten. Die Räume auf der Lerchenstraße wurden bald zu klein. Vorrübergehend wurden neue am   Theodor-Körner-Platz 7 gefunden, ehe 1993 ein weiterer Umzug in die Augustusburger Straße 101 anstand. Mit der Eröffnung der ersten Wohnanlage für Betreutes Wohnen auf der Clausstraße fand die Einrichtung dort schließlich ihren neuen und jetzigen Sitz.
 Seit dieser Zeit hat sich viel verändert und entwickelt. Das Leistungsspektrum der Einrichtung ist vielseitiger geworden. Neben der Behandlungs- und der häuslichen Pflege bietet die Sozialstation auch Pflegeberatungen, Hauswirtschaftspflege, eine Tagesbetreuung für an Demenz erkrankte Menschen auf der Hilbersdorfer Straße, den Hausnotrufdienst und verschiedene andere Leistungen an. Um das Wohl der mittlerweile ca. 200 Patienten kümmern sich 24 Mitarbeiter, darunter Hauswirtschafterinnen, Altenpfleger/innnen, Krankenschwestern, zwei Therapeuten und Hilfskräfte.
 Seit 20 Jahren nehmen die Kollegen der Sozialstation Clausstraße Wind und Wetter in Kauf, um hilfedürftige Menschen zu unterstützen. Auf den Frühling freuen sie sich dieses Jahr ganz besonders. Zum (astronomischen) Frühlingsbeginn am 21. März laden von 10.00 bis 16.00 Uhr alle Chemnitzer Sozialstationen des Stadtverbandes anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens und des Internationalen Tages der Hauswirtschaft zu einem „Tag der offenen Tür“ ein. Die Besucher können sich bei dieser Gelegenheit über die Leistungen, aber auch über die Geschichte der drei Einrichtungen informieren.

aus VS Aktuell 1/2011, erschienen im  VS Aktuell 1/2011   Sozialstationen