Aktion Kaffeefahrt Teil 1

Als „verdeckte Ermittler“ haben sich Elisabeth Hohenstein, Peter R. und ich auf eine Kaffeefahrt begeben, ausgestattet vom MDR mit einer versteckten Kamera.

Warum haben wir uns für diese Aktion entschieden? Scheinbar weiß doch jeder, was bei solchen Fahrten abläuft und dass dabei noch niemand reich beschenkt wurde. Bereits seit einiger Zeit warne ich gemeinsam mit Freunden unserer Wählervereinigung davor. Einige unserer Aktionen wurden auch von Presse und Fernsehen begleitet, wodurch wir schon sehr viele Menschen erreichen konnten. Zu mir als Stadtrat kommen jedoch immer wieder betroffene Bürger, die um Hilfe in solchen Angelegenheiten bitten. Obwohl die Chemnitzer Verbraucherzentrale regelmäßig über das Thema berichtet, fallen immer wieder Menschen herein. Die Opfer fühlen sich dann oft allein gelassen. So wurde mir schon mehrfach berichtet, dass Senioren bei der Aufgabe einer Strafanzeige belächelt wurden. Diese Bürger fühlen sich nicht ernst genommen und haben das Gefühl, dass nicht wirklich etwas gegen die Betrüger unternommen wird. Daher fordere ich die Behörden dazu auf, dass offiziell bekannten Betrugsabsichten nachgegangen werden muss. Es ist doch kein „Kavaliersdelikt“, wenn mehrere Menschen mit falschen Versprechungen an einen Ort gebracht werden, um diese anschließend offensichtlich mit unlauteren Methoden ganz mächtig übers Ohr zu hauen. Oder gar unter Ausübung von seelischem Druck zu unsittlichen Vertragsabschlüssen zu nötigen. Dass letzteres bittere Tatsache ist, möchte ich nun aufzeigen.

Anfang Oktober haben wir uns eines Morgens in aller Frühe aufgemacht, um selbst in Erfahrung zu bringen, was da abläuft. Anlass war ein besonders interessantes Einladungsschreiben mit völlig neuer Aufmachung. Es solle einer der schönsten Biohöfe Deutschlands besichtigt werden, inklusive Verkostung edler Bio-Erzeugnisse. Zudem wurde ein kostenloses Bio-Frühstück, ein Bio-Mittagessen und eine volle Tüte mit hochwer­tigen Bio-Lebensmitteln versprochen. Auf dem ersten Blick hätte das eine Werbeaktion vom Bio-Laden um die Ecke sein können. Durch bunte Bilder und das Bio-Gütesiegel wurde Vertrauen aufgebaut. Eine Recherche ergab, dass es sich bei den Abbildungen offenbar fast ausschließlich um Produkte der Bio-Marke einer bekannten Supermarktkette handelte, deren Logo durch eine Fotomontage mit einem eigenen Signet überklebt wurde.

„Das ist doch was für uns Ökofritzen“, dachten Elisabeth Hohenstein und ich. Wir wollten daher Peter R. auf seine Ausfahrt begleiten, denn er durfte zwei Personen mitbringen. Ich wurde kurzerhand Elisabeths „Sohn“ und  Peter ihr „Freund“. Damit mich auch möglichst niemand erkennt, da ich ja schon einige Begegnungen mit Vertretern der Branche hatte, blieb ich unrasiert, setze ein uraltes Brillengestell auf und kramte im Fundus von Bekleidungsstücken, welche mich möglichst älter erscheinen lassen sollten. Vom MDR wurde ich mit einer Uhr ausgestattet, in der eine Kamera versteckt ist.

„Ich bringe euch nur hin, mit allem anderem habe ich nichts zu tun“, brummte der Busfahrer auf der Hinfahrt ins Mikro. Hinterfragt hat das niemand, es wurde wohl eher als Gag verstanden. Auf Nachfragen, wo es hingehen würde, wolle er erst antworten, wenn alle Zustiegsorte angefahren sind. In Altenkirchen bei Schmölln endete die Fahrt am Gasthof mit dem idyllischen Namen „Zu den drei Linden“. Ein stämmiger Typ geleitete die erwartungsvollen Teilnehmer in den „Festsaal“,  der seine besten Tage offenbar schon in tiefsten DDR-Zeiten hinter sich gebracht hat. Drei Tisch-Tafeln waren eingedeckt und ein kleines Frühstück (2 halbe belegte Brötchen, 1 Tasse dünner Kaffee) wurde gereicht. Dann kam der Typ vom „Einlass“ herein und schimpfte, dass die Leute (hoher Altersdurchschnitt) ja schon desinteressiert schauten, anstatt ihn seiner Meinung nach mit Begeisterung anzuhimmeln. O-Ton: „Ihr seid ja schon so was von tot, dass sehe ich euch bereits an … Wer hier so ohne Interesse an dem, was ich euch zu sagen habe, rumhängt, kann gleich wieder verschwinden. Solche Leute wie euch erkenne ich sofort. Ihr wollt doch hier nur die großen Geschenke abfassen. Da seid ihr selber schuld, wenn ich so mit euch rede. Wer so dämlich ist und in einen Bus steigt, weil er glaubt er kriegt dafür einfach so von mir 1000,00 € geschenkt, muss schon ganz schön bescheuert sein!“

Den Unmut über diese Äußerungen überhörte er und verkündete, dass er jetzt alle Original-Einladungsschreiben einsammeln werde.

„Ihr glotzt mir sonst die ganze Zeit auf das Papier und erzählt mir, was euch versprochen wurde und was für Preise ihr von mir wollt. Das lenkt nur ab. Ich habe Sponsoren, welche mir das hier ermöglichen, also die Busfahrt, die Saalmiete und das Essen. Ich sag’s euch gleich, ich bin hier nicht zu eurem Vergnügen da, sondern um Kohle zu machen.“ – Empörtes Gemurmel – „Wenn ich euch trüben Haufen jetzt so anschaue, dann kommt mir gleich das große Kotzen.“ Er suchte sich einen Tisch aus, dessen Leute er permanent auf übelste Weise beschimpfte. Andere Personen lobte er für gutes Zuhören. Ich vermute, es gehörte zu seiner Taktik, damit sich die anwesenden Menschen nicht miteinander gegen ihn verbündeten. Fragte jemand nach, wann endlich die versprochene Führung durch den Bio-Hof stattfinden werde, so erwiderte er: „Rede ich nicht deutlich genug? Ihr habt nur dann zu quatschen, wenn ich es euch erlaube! Sonst werde ich hier nie fertig mit euch!“

Es folgte eine Art „Präsentation“ von Wundermitteln (Magnetscheiben) zur Erlangung von Gesundheit. Dabei bediente er sich durchaus interessanter Fachkenntnisse, welche ihm trotz seiner rohen und unverschämten Ausdrucksweise zu Pluspunkten bei den Zuhörern verhalfen. Er holte das Publikum auf seine Seite, weil er angebliche Zusammenhänge zwischen den gierigen Krankenkassen und der Pharma-Industrie sowie korrupter Polit-Lobbyisten zur Sprache brachte. Diese sollen die Vermarktung seiner angebotenen Wundermittel verhindern wollen, damit das Monopol, um Krankheiten viel Geld verdienen zu können, unangetastet bleibe, während in bekannten Schweizer Kurkliniken reiche Industrielle, Wirtschaftler, Politiker und Spitzensportler genau mit diesen Produkten erfolgreich behandelt werden würden. Der Vertrieb in Deutschland sei zwar verboten, wer jedoch jetzt und hier einen entsprechenden Vertrag für den unschlagbaren Sonderpreis von 20.000,00 € (!) unterschreibe ...

Die Heilmagnetscheiben wurden an einigen Teilnehmern erprobt. Diese mussten die Scheibe in ihren Händen halten und das Wunder auf sich wirken lassen. Im Anschluss sollten sie sich bücken und gehen. Die Zuschauer mussten mit Beifall bestätigen, dass die Leute, welche sie sich vorher gar nicht so genau angeschaut hatten, nun viel vitaler wirkten. In Einzelgesprächen sollten die Teilnehmer dubiose Verträge unterzeichnen.

Es folgte eine Mittagspause  (Essen für Selbstzahler, kein Bio). Zeit um Luft zu schnappen und den Kontakt mit dem MDR-Team aufzunehmen. Doch danach sollte die Tortour erst richtig beginnen. Der Nachmittag wurde noch entsetzlich lang.

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe der VS Aktuell, wie mit vermeintlich geschenkten Reisen die Gäste der Kaffeefahrt finanziell geschröpft wurden.

aus VS Aktuell 4/2012, erschienen im  VS Aktuell   VS Aktuell 4/2012   Aus der Stadtratsarbeit   Wählervereinigung Volkssolidarität Chemnitz (Vosi)